Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie mahnt bei Friedensgebet in Assisi: "Wir werden heute von einem ununterbrochenen Strom dramatischer Bilder überrollt, von Ruinen, Tränen, verletzten Rechten und Fundamentalismen - auch christlichen - von menschlichen Tragödien und zerstörter Umwelt. Wie konnte das geschehen?"
Assisi, 27.10.2026 (KAP) Der ranghöchste Vertreter der orthodoxen Kirchen, der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I., hat die im italienischen Wallfahrtsort Assisi versammelten Religionsführer zu selbstkritischem Nachdenken aufgerufen. Sie hätten es in den Jahrzehnten nach dem Ende des Kalten Krieges nicht geschafft, die Logik der Gewalt und der Abkehr von Gott zu überwinden.
"Woran haben wir uns gewöhnt?", fragte der 86-jährige Patriarch von Konstantinopel am Dienstagnachmittag bei seiner Ansprache in der Franziskus-Basilika von Assisi. "Wir haben uns weiterhin getroffen, aber wir haben nichts Entscheidendes bewirkt. Wir werden heute von einem ununterbrochenen Strom dramatischer Bilder überrollt, von Ruinen, Tränen, verletzten Rechten und Fundamentalismen - auch christlichen - von menschlichen Tragödien und zerstörter Umwelt. Warum ist das so? Wie konnte das geschehen?"
"Wir haben uns nicht ausreichend engagiert"
Weiter führte das Ehrenoberhaupt der Orthodoxie aus: "Wir glaubten damals nach dem Fall der totalitären Systeme, in eine neue Welt einzutreten. Aber wir haben uns nicht ausreichend dafür eingesetzt, zu verhindern, dass neue Nationalismen entstehen und neue Götzen, die den menschgewordenen Gott hinter sich lassen für eine Technologie, die alles kontrolliert und die Würde des Menschen entwertet."
Die einzige Macht, die Gewalt und Krieg überwinden könne, sei die Botschaft Jesu, so der Patriarch weiter. Nur wer die Sanftmut und Opferbereitschaft der Märtyrer übernehme und sich selbst frei von Vorurteilen gegenüber dem anderen mache, könne der Liebe zum Sieg verhelfen. Es gelte, "den Schlamm des Konflikts zu durchqueren, ohne sich vom Virus des Hasses anstecken zu lassen".
Aufruf gegen die Resignation
Die Christen rief Bartholomaios auf, die Anfechtungen der Gegenwart nicht passiv und resigniert zu ertragen, sondern mit der Kraft der Sanftmütigen anzugehen. Entscheidend sei, ob sie "die Kette des Bösen durchbrechen können, indem sie ihre Angreifer segnen und in allen Menschen nicht Feinde, sondern Geschwister sehen".
Dies sei weder naives Gutmenschentum noch Schwäche, sondern die stärkste Kraft der Welt, erklärte der Patriarch. Es sei keine Einladung zur Passivität und keine Vertröstung aufs Jenseits, sondern "die Antriebskraft für unseren geistlichen Widerstand". Wer wisse, dass am Ende der Zeiten die Liebe siegt, könne sich niemals "damit abfinden, dass die Kanäle der Geschichte mit dem Blut der Unschuldigen gefüllt werden".
Wegen der Abwesenheit des Papstes war das Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie der höchstrangige anwesende Kirchenführer bei der Feier in Assisi. Neben ihm nahmen unter anderem die römisch-katholischen Kardinäle Kurt Koch, Matteo Zuppi, Fridolin Ambongo und George Koovakad, die anglikanische Erzbischöfin von Canterbury, Sarah Mullally, sowie zahlreiche Würdenträger orthodoxer, orientalischer und protestantischer Gemeinschaften an der Feier in der Basilika von Assisi teil.
An 13 weiteren Orten in der mittelitalienischen Stadt hielten andere Weltreligionen Gebete gemäß ihrem je eigenen Ritus ab. Anschließend kam man zu einer gemeinsamen Schlussveranstaltung vor der Basilika von Assisi zusammen.
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