Leiterin des Katholischen Bildungswerks Oberösterreich, Wurzer, untersuchte Gedenkobjekte auf Kindergrabstätte in Wels - Engel, Spielzeug und persönliche Erinnerungsstücke als Ausdruck von Trauer
Linz, 29.10.2026 (KAP) Gegenstände auf Kindergrabstätten - Engelsfiguren, Kuscheltiere, Süßigkeiten oder Alltagsgegenstände - fungieren als "Mittler", die dabei helfen können, Tabus zu brechen oder Dinge ins Wort zu bringen, bei denen die Stimme versagt. Ästhetische Ansprüche, die ansonsten an Grabgestaltung herangetragen werden, würden bei Kindergrabstätten nicht greifen, erklärt dazu Melanie Wurzer, Leiterin des Katholischen Bildungswerks Oberösterreich, gegenüber der Nachrichtenagentur Kathpres. Auch "die kaputten, schmutzigen und rostigen Artefakte" seien Ausdruck von Trauerprozessen. Für Friedhöfe wie Seelsorger heiße es "kreativ zu werden und Wege zu überlegen, wie Grab- und Gedenkstätten gestaltet werden können, so dass ausreichend Raum für Individualität und Trauer gegeben ist".
Als besonders eindrücklich nannte Wurzer ein Objekt, das sie als "Nespresso-Haus" bezeichnet: ein verschmutzter, rostiger Glaskobel mit verschiedenen Gegenständen, darunter eine Kette aus gebrauchten Nespresso-Kapseln. Vieles darin sei kaputt gewesen, auch Laub und Schmutz hätten sich angesammelt. "Bei der ersten Beobachtung auf der Kindergrabstätte hätte ich das Artefakt durchaus auch als 'Müll' bezeichnet. Bei der zweiten Beobachtung standen zwei brennende Grablichter darin. Das machte für mich deutlich, dieses Artefakt ist jemanden wichtig und steht dort im Gedenken an ein oder mehrere stillgeborene Föten."
Wurzer warnte damit davor, aus dem Zustand eines Gegenstands auf die Intensität der Trauer zu schließen. Dinge könnten verwittern oder ihre Bedeutung verlieren, wenn sich der Trauerprozess verändere. "Die Dinge dürfen im wortwörtlichen Sinne ver-gehen, sie dürfen zu Ende gehen. So darf auch der Schmerz und die Trauer vergehen und das Leben darf weitergehen."
Engel und Spielzeug
Oft sieht man auf Kindertragessstätten auch Engelsfiguren, die laut Wurzer mehrere Funktionen erfüllen: Sie vermitteln Botschaften von den Eltern an die Verstorbenen, stellen die Föten häufig als spielende oder schlafende Kleinkinder dar und übernehmen die Rolle von Schutzengeln. "Die Eltern verwenden sie dort als Mittler, wo die eigene Sprachlosigkeit groß ist und die Kommunikation im rein physischen Sinne nicht möglich ist." Sie würden damit ein Beziehungsgeschehen ermöglichen, das auf andere Weise nicht mehr möglich ist. Engel auf der Kindergrabstätte würden auch all das tun, was die sich die Eltern für ihre verstorbenen Föten gewünscht hätten. "Sie sind also die Repräsentanz des Anderen im Objekt."
Spielzeug, Kuscheltiere und Süßigkeiten wiederum verwiesen auf die Sehnsucht nach einer gemeinsamen Biografie: Die Eltern bringen Dinge zur Grabstätte, die sie gerne für ihre Kinder gekauft und mit ihnen erlebt hätten. Die Anzahl der Betroffenen von Fehlgeburten nannte Wurzer "extrem hoch". So soll bis zu jede vierte Schwangerschaft mit einer Fehl- und Totgeburt enden, wobei 90 Prozent davon in einem frühen Stadium der Schwangerschaft passieren.
Keine einheitliche Form der Trauer
Eltern würden den Verlust einer Fehl- oder Totgeburt sehr unterschiedlich erleben, so die Expertin. Während manche ihn als natürlichen Vorgang empfinden, würden andere möglicherweise auch Erleichterung spüren; wieder andere trauerten noch Jahrzehnte später. Keine dieser Erfahrungen dürfe von außen bewertet oder durch eine vorgegebene Deutung ersetzt werden, so Wurzer.
"Gerade Betroffene von Fehl- und Totgeburt ringen nach wie vor um die Anerkennung ihrer Trauer und die Anerkennung ihrer Föten als Menschen, die betrauert werden dürfen." Gerade deshalb brauche es eine "unhinterfragte Option und Solidarität mit den Betroffenen", so die Leiterin des Katholischen Bildungswerks Oberösterreich, laut der auch Angehörige, Seelsorgende, medizinisches Personal und Friedhofsverwaltungen aufgefordert seien, individuelle Formen des Gedenkens zu ermöglichen.
Eltern verfügten über eine eigene "Gedenkkompetenz", auch wenn ihnen Vorbilder und vertraute Rituale fehlten, so Wurzer: "Als zentral empfinde ich es, dass Betroffene bei der Gestaltung von Grab- und Gedenkorten mitgedacht und auch in ihrem Bedürfnis der Trauer Ausdruck zu verleihen ernst genommen werden." Dafür brauche es Zeit, Raum sowie die Bereitschaft, auch ungewöhnliche Erinnerungsformen zuzulassen.
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