Deutscher Diplomat Kahl: Statt Äquidistanz "Unterscheidung zwischen Gut und Böse" vonnöten - Warnung, sich "vor Putins Karren" spannen zu lassen
Berlin, 30.10.2026 (KAP/KNA) Der deutsche Botschafter beim Heiligen Stuhl beklagt Kritik und fehlende Unterstützung von Leo XIV. bei den Bemühungen der Europäer, sich gegen Russland zu verteidigen. In seiner Enzyklika "Magnifica humanitas" spreche der Papst das Recht auf Selbstverteidigung nur kurz an, es werde einseitig die Gefahr von Waffen betont und insgesamt fehlten in den letzten Verlautbarungen des Vatikans ein "realistischer Blick" und eine Ausgewogenheit, sagte Bruno Kahl laut deutscher katholischer Nachrichtenagentur KNA im Interview der Zeitschrift "Christ in der Gegenwart" von Freitag.
"Solange der Mensch als Sünder auf dieser Welt lebt, muss er mit Krieg rechnen", betonte Kahl. Das werde in früheren kirchlichen Dokumenten auch klar gesagt. Papst Leos Enzyklika lehne dagegen einen "sogenannten Realismus" ab, der mit dem Krieg als ständig drohendem Übel rechnet. "Das klingt dann gut, nur hilft es nicht weiter angesichts der Realitäten", so der Botschafter.
"Äquidistanz nicht mehr angebracht"
Der ehemalige Präsident des deutschen Bundesnachrichtendienstes (BND) vertritt seit 2025 die deutsche Regierung beim Vatikan. Er sehe die katholische Kirche als "moralische Instanz", die auch "Gut und Böse" unterscheiden müsse. "Russland hat Angst vor der Demokratie, bekämpft die Demokratie, da ist eine Äquidistanz nicht mehr angebracht", sagte Kahl.
Darüber hinaus wünsche er sich, dass die diplomatischen Bemühungen des Papstes Erfolg haben mögen, sehe dafür aber wenig Chancen. Es bestehe vielmehr die Gefahr, dass der Papst vor "Putins Karren" gespannt werde, weil seine Bereitschaft, mit Putin zu reden, vom russischen Propagandaapparat zu einer Legitimation seiner Aggression verzerrt werde.
Verteidigungsfähigkeit für Deutschland
Kahl argumentiert, Deutschland müsse seine Verteidigungsfähigkeit an die Realität anpassen. Fälschlich habe man sich jahrzehntelang der Hoffnung hingegeben, "Russland würde uns im Frieden akzeptieren und respektieren". Tatsächlich richtete sich die russische Aggression aber nicht nur gegen die Ukraine, sondern gegen die Nachkriegsordnung in Europa. "Hybride Angriffe auf kritische Infrastruktur bis zu Destabilisierungsversuche durch Desinformation scheinen zum neuen Normal geworden zu sein", sagte der Botschafter. Putin wolle Europa spalten und schwächen.