Bioethik-Institut kritisiert suggestive Fragestellungen und fehlende Entscheidungsalternativen - Zustimmung zu Begleitung sei kein Auftrag zur Finanzierung privater Sterbehilfevereine
Wien, 30.10.2026 (KAP) Deutliche Kritik an einer aktuellen Umfrage des Gallup-Instituts zum assistierten Suizid übt das Institut für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE). Die Fragestellungen seien teilweise suggestiv, blendeten wesentliche Entscheidungsalternativen aus und es würden weitreichende politische Schlussfolgerungen daraus gezogen, die jedoch durch die erhobenen Daten nicht gedeckt seien. "Die Zustimmung zu einer professionellen Begleitung durch spezialisierte Vereine ist kein Beleg für einen gesellschaftlichen Auftrag zu deren staatlicher Finanzierung", heißt es in einer Kathpress übermittelten IMABE-Stellungnahme vom Freitag.
Die am Donnerstag veröffentlichte Gallup-Erhebung unter 1.000 Erwachsenen zeigt, dass sich 53 Prozent der Befragten vorstellen können, assistierten Suizid selbst in Anspruch zu nehmen. 19 Prozent lehnen dies ab, 24 Prozent sind unentschlossen. 64 Prozent würden eine entsprechende Entscheidung eines Familienmitglieds akzeptieren. Eine fachlich qualifizierte Begleitung durch spezialisierte Organisationen halten 88 Prozent für wichtig oder eher wichtig; 67 Prozent befürworten eine öffentliche Mitfinanzierung solcher Vereine. Die Online-Befragung war zwischen 30. September und 15. Oktober durchgeführt worden und repräsentiert laut Institut die webaktive österreichische Bevölkerung.
Frage blendet Alternativen aus
In der IMABE-Stellungnahme wird insbesondere die Frage nach der persönlichen Bereitschaft zum assistierten Suizid kritisiert. Sie werde isoliert gestellt, ohne den Befragten eine hochwertige Schmerztherapie und flächendeckende Palliativversorgung als Alternativen vor Augen zu führen. Damit werde möglicherweise weniger die Zustimmung zur Suizidassistenz als vielmehr die Angst vor einem qualvollen oder unbegleiteten Sterben erfasst. Zu anderen Ergebnissen seien die sogennannte INFAS-DASP-Studie aus dem Jahr 2022 und eine österreichische Focus-Studie aus dem Jahr 2021 gekommen: Würden gute Schmerzlinderung und Palliativversorgung als reale Alternativen einbezogen, dürfte die Zustimmung zur Suizidassistenz demnach um mehr als die Hälfte zurückgehen.
Auch die Frage nach der Akzeptanz eines assistierten Suizids innerhalb der Familie greife laut dem unter kirchlicher Patronanz stehenden Ethikinstitut zu kurz. Erfasst worden sei eine theoretische Haltung, nicht aber die sozialen und psychischen Bedingungen einer solchen Entscheidung. Einer Focus-Grundlagenstudie aus dem Jahr 2022 zufolge hegten 73 Prozent der Österreicher konkrete Missbrauchssorgen und Befürchtungen vor subtiler sozialer oder wirtschaftlicher Einflussnahme auf ältere und kranke Menschen. Diese Dimension bleibe in der Gallup-Frage unberücksichtigt, so IMABE.
Staatliche Verantwortung für Hospizwesen
Die laut Gallup hohe Zustimmung zur professionellen Begleitung bewertet IMABE ebenfalls kritisch: "Niemand wird in einer Umfrage angeben, dass eine Begleitung nicht qualifiziert oder ohne Qualitätsstandards ablaufen soll." Daraus lasse sich aber weder die Notwendigkeit privater Sterbehilfevereine noch deren öffentliche Finanzierung ableiten. Vielmehr müsse auch die staatliche Verantwortung für den Ausbau der Palliativ- und Hospizversorgung berücksichtigt werden.
Auffällig sei zudem, dass die Österreichische Gesellschaft für ein Humanes Lebensende (ÖGHL) die Umfrageergebnisse unmittelbar als Argument für eine stärkere öffentliche Finanzierung ihrer Tätigkeit heranziehe - für IMABE "ein klassisches Beispiel für interessengeleitetes Agenda-Setting", sei die Organisation doch laut Gallup nur 17 Prozent der Befragten bekannt. Auch die Schweizer Organisation Dignitas (31 Prozent) und die Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben (DGHS, elf Prozent) erreichten vergleichsweise geringe Bekanntheitswerte.
Grundsätzlichen Informationsbedarf ortete allerdings auch die Gallup-Erhebung selbst: Zwar haben ihrzufolge 92 Prozent bereits vom assistierten Suizid gehört, das Sterbeverfügungsgesetz kennen jedoch nur 53 Prozent. 59 Prozent wünschen sich mehr Informationen über die rechtlichen Rahmenbedingungen. Rund die Hälfte bewertet den eigenen Informationsstand als weniger gut oder schlecht. Gallup-Leiterin Andrea Fronaschütz betonte in einer Aussendung deshalb den Bedarf an "verständlicher und sachlicher Aufklärung".
(S E R V I C E - Sie sind in einer verzweifelten Lebenssituation und brauchen Hilfe? Sprechen Sie mit anderen Menschen darüber. Die Telefonseelsorge ist rund um die Uhr und gebührenfrei unter der Notrufnummer 142 erreichbar sowie unter www.telefonseelsorge.at. Hilfsangebote für Personen mit Suizidgedanken und deren Angehörige bietet das Suizidpräventionsportal des Gesundheitsministeriums unter www.suizid-praevention.gv.at.)