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Reformationsgedenken
Bild Copyright: © Marco Uschmann/EPD

Bischöfin Richter: Luther wollte keine neue Konfession begründen

02.11.2026 11:52
Österreich/Kirche/Reformation/Luther/Richter
Evangelisch-lutherische Bischöfin in "orf.at"-Beitrag: Luther wollte akademische Debatte führen, ob sich die Ablasspraxis "theologisch ausgeht" - Österreich war Mitte des 16. Jahrhunderts zu 80 Prozent evangelisch
Wien, 02.11.2026 (KAP) Der Augustinermönch und Theologieprofessor Martin Luther (1483-1546) veröffentlichte am 31. Oktober 1517 seine berühmten 95 Thesen - in Form von Briefen, etwas später soll er diese an das Tor der Kirche in Wittenberg genagelt haben. Der 31. Oktober wird in den Evangelischen Kirchen als Reformationstag gefeiert. Wie die evangelisch-lutherische Bischöfin Cornelia Richter im Gespräch mit "religion.orf.at" betonte, wollte Luther damit keine neue Konfession begründen. Vielmehr wollte er eine innerkatholische Reflexion über Fragen der damaligen Ablasspraxis initiieren.

Luther wollte eine akademische Debatte darüber führen, ob sich die damals übliche Ablasspraxis "theologisch ausgeht", erläuterte Richter. Seine Kritik habe sich nicht primär daran entzündet, dass Geld für den Sündenablass gezahlt wurde, sondern daran, dass das Geld die Buße ersetzt und dass der Papst eine Rechtsgewalt im Himmel beansprucht habe, erklärte die Bischöfin.

1516 waren Plenarablässe eingeführt worden, die fixe Preise für die Vergebung von Sündenstrafen festlegten, um den Bau des Petersdoms fortsetzen zu können. Wo besonders fahrlässig mit dem Ablasshandel umgegangen wurde, wurden das Bedenken und Bereuen der eigenen Sünden einfach übersprungen. Luther versuchte dagegen anzupredigen: Jesus habe gefordert, Schuld einzugestehen und Buße zu tun - im Sinne einer Reflexion über das eigene Handeln.

Statt in eine Disputation mündeten Luthers Reformversuche in die Spaltung von Evangelischer und Römisch-katholischer Kirche. Parallel zu Deutschland entstanden auch in der Schweiz die reformatorischen Bewegungen von Huldrych Zwingli (1484-1531) und Johannes Calvin (1509-1564). Dank des gerade erfundenen Buchdrucks verbreiteten sich die Ideen rasch, es entstand ein erbitterter Kampf um den wahren Glauben.

Die Kardinäle und der Papst hätten sich, so Bischöfin Richter, gegen Luthers Reformvorschläge gewehrt und seine Schriften verbrannt. Dieser stellte zunehmend auch den Primat des Papstes - also den Anspruch, die höchste Leitungs- und Lehrautorität über das gesamte Christentum zu besitzen - infrage. 1518 eröffnete die römische Kurie ein Häresieverfahren gegen Luther. Er wurde der Ketzerei bezichtigt und 1521 exkommuniziert.

Österreich mehrheitlich protestantisch

Die theologischen Streitigkeiten der Reformationszeit zogen brutale Kriege nach sich, in denen sich Religion, Macht, Einfluss und territoriale Ansprüche in ganz Europa vermengten. Die reformatorischen Gedanken hatten sich weit verbreitet: In Österreich waren Mitte des 16. Jahrhunderts etwa 80 Prozent der Bevölkerung evangelisch-lutherisch, besonders in Ober- und Niederösterreich, der Steiermark und auch in Böhmen, Mähren und Ungarn.

Ab 1618 tobte der Dreißigjährige Krieg, der 1648 mit der Einigung auf den Westfälischen Frieden endete. Dieser ließ die freie Wahl der Konfession zu und nahm territoriale Aufteilungen vor. Viele österreichische Gebiete und Gemeinden wurden danach stark "rekatholisiert".

"Verantwortung für die Welt"

Luther habe die Gnade Gottes als durch den Glauben gegeben verstanden, ohne eine vermittelnde Instanz wie die Kirche zu benötigen, so Bischöfin Richter. Die Gemeinschaft der Gläubigen habe er als Kirche gesehen, nicht die Institution. Evangelischer Glaube heiße seit Luther, dass man in der persönlichen Beziehung zu Gott einen "safe space", also einen sicheren Ort, habe, in dem Vertrauen herrschen könne, betonte Richter.

Dieses Vertrauen, so die Bischöfin, sei der Kern des evangelischen Glaubens, aus dem heraus im Hier und Jetzt gelebt und gehandelt bzw. "Verantwortung für die Welt" übernommen werde. Beispielhaft dafür seien das Hilfswerk Diakonie und Bildungs- und Entwicklungshilfeorganisationen wie Brot für die Welt. Bis heute sei die Evangelische Kirche eine "bescheidene Kirche", die Prunk ablehne, so Richter weiter.

Festgottesdienst am Reformationstag

Die christliche Verantwortung für die Welt war auch ein wesentlicher Aspekt in Bischöfin Richters Predigt beim Festgottesdienst zum Reformationstag in der Christuskirche Wien-Favoriten. "Reformation ist immer aktuell. Denn es geht um die Würde jedes einzelnen Menschen vor Gott, um Freiheit und Verantwortung", sagte Richter wörtlich und weiter: "Und in all dem geht es um Frieden - um Frieden mit sich selbst und um Frieden in der Gesellschaft."

Frieden entstehe nicht von selbst. "Für den Frieden müssen wir uns einsetzen, wir müssen ihn von ganzem Herzen wollen." Dazu brauche es Zutrauen, Mut und eine Gemeinschaft, die trägt. - "Im Vertrauen auf Gott ist all das möglich", betonte Richter, die zusammen mit dem ehemaligen Ortspfarrer der Christuskirche, Michael Wolf, den in Rundfunk und Fernsehen übertragenen Reformationsgottesdienst feierte.

Vertrauen auf Gott sei eine "Hoffnung in action", so die Bischöfin weiter: "Es ist ein Empowerment, das uns aufstehen lässt gegen Unrecht und Gewalt, für Versöhnung und für Frieden. Das uns ins diakonische Handeln ruft, wo immer ein Kind in einer armseligen Krippe liegt. In der Ukraine, im Sudan, im Kongo, in Lateinamerika, auf allen Seiten im Nahen Osten - wo auch immer. Es ist dieses Empowerment, aus dem wir als Evangelische leben und handeln."

Richter erinnerte in ihrer Predigt auch, dass die Geschichte der Evangelischen in Österreich eine Geschichte der Gewalt und der Unterdrückung sei: "Wir sind zur Minderheit geworden, und das spiegelt sich bis heute wider." Dabei verwies Richter an die Abschaffung des Karfreitags als Feiertag im Jahr 2019. Wie kein anderer Feiertag stehe der Karfreitag für das Bekenntnis der Evangelischen "und für den Frieden in der Welt. Denn er hängt an dem, der uns allen als Kind geboren ist, als Sohn gegeben. Der, von dem es seit Jesaja heißt: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst", so die Bischöfin wörtlich.

Rund 200 evangelische Gemeinden in Österreich

Heute leben in Österreich etwa 242.000 evangelische Christinnen und Christen. Sie werden in sieben Superintendenturen (Diözesen) verwaltet und betreut. Davon sind laut Website der Evangelischen Kirche etwa 230.000 Mitglieder der Evangelischen Kirche A.B. (Augsburger Bekenntnis, lutherisch), etwa 10.500 bekennen sich zur Evangelischen Kirche H.B. (Helvetisches Bekenntnis, reformiert) und etwa 1.500 sind Angehörige der Evangelisch-methodistischen Kirche. Laut Website der Evangelischen Kirche gibt es rund 200 Gemeinden in Österreich.
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