Forscher: Michelangelo malte "Jüngstes Gericht" mit Spezial-Pinsel
02.11.202614:17
Vatikan/Kunst/Forschung/Kirche
Restaurierungs- und Reinigungsarbeiten brachten neue Forschungsergebnisse zu weltberühmtem Wandgemälde in Sixtinischer Kapelle - Auch verstecktes Selbstporträt Michelangelos entdeckt
Rom, 02.11.2026 (KAP) Neue Erkenntnisse zu einem 500 Jahre alten Meisterwerk: Für das weltbekannte "Jüngste Gericht" in der Sixtinischen Kapelle im Vatikan entwickelte Michelangelo einen kammartigen, mehrzinkigen Pinsel, mit dem er die Farbe praktisch in den Putz "meißelte". So erzielte der berühmte Bildhauer eine plastische Wirkung seiner Malerei, wie die italienische Tageszeitung "La Repubblica" am Montag berichtete.
Statt klassischer Pinselstriche überkreuzte der Künstler mehrere Striche, "um das Licht auf den Körpern zum Vibrieren zu bringen", erklärte Barbara Jatta, Direktorin der Vatikanischen Museen, über die die Kapelle besichtigt werden kann. Damit gelang es dem Schöpfer der berühmten Skulptur "Pietà" im Petersdom, wie ein Bildhauer zu malen. Die neuen Forschungsergebnisse, während der Restaurierung des "Jüngsten Gerichts" im Frühjahr entdeckt, werden jetzt im Band "Michelangelo 2026" (Edizioni Musei Vaticani) veröffentlicht.
Verstecktes Selbstporträt Michelangelos
Ebenso wurde bei den Arbeiten, für die in der Sixtina ein siebenstöckiges Gerüst errichtet wurde, in der Auferstehungsszene des Freskos ein verstecktes Selbstporträt Michelangelos entdeckt. Dies steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit einem Vorfall aus dem Jahr 1451, als der Maler vom Gerüst stürzte und sich schwer am Bein verletzte.
Nach seiner Genesung schuf er in den Gewandfalten einer Allegorie des Todes ein skelettiertes Gesicht mit seinen Zügen, das den Betrachter direkt anblickt. Laut den Forschenden handelt es sich um ein "stummes und zugleich sprechendes" Zeugnis eines Künstlers, der sich nach den Qualen der Arbeit wie auferstanden fühlte.
Ausdünstungen von Millionen Besuchern
Bei der ersten Restaurierung des "Jüngsten Gerichts" seit 30 Jahren entfernten 30 Restauratoren im Februar und März 2026 innerhalb von fünfwöchigen Arbeiten einen weißen Schleier aus Kalziumlactat, der sich durch die Ausdünstungen von Millionen Besuchern der Sixtinischen Kapelle gebildet hatte. Durch die Reinigung kamen wieder die lebendigen Farben und der berühmte Hell-Dunkel-Konstrast von Michelangelos Meisterwerk zum Vorschein.
Das 13,70 mal 12 Meter große Freskos nimmt die gesamte Altarwand der Kapelle ein. Michelangelo Buonarotti (1475-1564) schuf das immense Werk, das Christus als Weltenrichter auf eisblauem Hintergrund zeigt, von 1536 bis 1541. In der Sixtinischen Kapelle, unter Sixtus IV. (1471-1484) als Teil des Apostolischen Palastes erbaut, wird auch der Papst gewählt.