Autor Martin Haidinger im Interview mit Wiener Diözesanmedien über sein neues Buch "Judenhass. Ein unausrottbares Virus"
Wien, 05.11.2026 (KAP) "Judenhass. Ein unausrottbares Virus" betitelt der Historiker und Journalist Martin Haidinger sein neues Buch. Geschichte wiederhole sich nicht eins zu eins - deshalb gebe es keine einfachen Lösungen, so Haidinger im Interview mit der Wiener Kirchenzeitung "Der Sonntag" und "radio klassik Stephansdom". Sein Anliegen sei es, "zu zeigen, woher antisemitische Vorstellungen kommen und in welcher Tradition sie stehen". Wer das verstehe, könne aktuelle Entwicklungen besser einordnen.
Haidinger erläuterte u.a., weshalb er dem Begriff "Judenhass" den Vorzug vor dem Begriff "Antisemitismus" gibt: "Antisemitismus" sei polemisch, er werde fast ausschließlich als Schimpfwort verwendet. "Judenhass" beschreibe die Sache besser, "denn es gibt nämlich gar keine Semiten, es gibt nur semitische Sprachen. Daher gibt es also auch keinen Antisemitismus, sondern es ist der Hass auf Juden und das beschreibt es."
Der Autor verwies auf den Franzosen Arthur Gobineau (1816-1882): "Er war ein Reisender und Diplomat (...), der sich angeregt durch Charles Darwins Forschungen Gedanken gemacht hat über die Ungleichheit der Rassen, nämlich der Menschenrassen. Und er gilt als der erste Klassiker des Rassismus. Allerdings kommen da die Juden kaum bis gar nicht vor. Die waren für ihn keine Kategorie."
Ein Zeitgenosse Gobineaus war Richard Wagner, der 1850 das Buch "Das Judentum in der Musik" schrieb. Wagner sei Antisemit gewesen, aber das Konzept der Rasse sei ihm noch nicht zur Verfügung gestanden, so Haidinger: "Er war also Antisemit, aber kein Rassist, und Gobineau war Rassist, aber kein Antisemit."
Zur Frage, welche Bedeutung wirtschaftliche Krisen für die Entstehung und Verbreitung von Judenhass hatten, meinte Haidinger: "Es gibt eine Stelle in der Bergpredigt, aus der abgeleitet wurde, dass Christen keine Zinsen nehmen durften, was natürlich für Geldgeschäfte nicht optimal war. Die Einzigen, die offen Zinsen nehmen durften, waren Juden. Und sie haben auch Geld verliehen, also vom kleinsten kleinen Mann bis zum Herrscher hinauf." Die jüdischen Geldverleiher wurde zugleich gebraucht und verachtet.
Eine "besonders perfide Gestalt"
Ausführlich kam Haidinger auch auf den früheren Wiener Bürgermeister Karl Lueger (1844-1910) zu sprechen: "Lueger hat die Stimmung in seiner Zeit gebündelt, er war weder ursprünglich besonders antisemitisch noch besonders christlich oder gar katholisch. Er war ursprünglich ein Liberaler." Die linke Seite sei damals von Viktor Adler in der Sozialdemokratie besetzt gewesen und Georg Ritter von Schönerer habe die deutsch-völkische Los-von Rom-Bewegung geführt. So könne man das Konzept Luegers dahingehend zusammenfassen: "Machen wir ein bisschen auf katholisch, aber antisemitisch müssen wir sein, denn das sind nämlich alle." Sogar bei den Sozialdemokraten habe es antisemitische Agitatoren gegeben, so Haidinger: "Franz Schuhmeier, nach dem heute noch ein Platz benannt ist, war ein großer Volkstribun. Er hat gegen die Juden genauso wie gegen die Pfaffen gewettert."
Lueger sei allerdings insofern eine "besonders perfide Gestalt" gewesen, "als er ganz genau wusste, dass da überhaupt nichts dran ist". Man schreibe ihm auch den Spruch zu: "Wer ein Jude ist, bestimme ich." - "Das klingt so herzig und niedlich. Ich halte es aber für besonders perfide, weil er genau gewusst hat, er kann das einsetzen, wo er will."
Noch ein Detail Haidingers zu Lueger: "Das Lueger-Denkmal ist 1927 errichtet worden vom Roten Wien, also mitten in der großen klassischen sozialdemokratischen Phase. Und der größte Spender dafür war Baron Louis Nathaniel Rothschild", so der Historiker.
Zur Frage nach berechtigter Kritik an der Politik Israels meinte der Autor: "Ich bin der Meinung, dass man Israel nicht kritisieren darf, sondern kritisieren soll, ja muss. Es ist eine Demokratie und die muss kritisches Bewusstsein aushalten."
Mit seinem Buch wollte er keine fertigen These schreiben, sondern Beobachtungen zusammentragen und den Menschen die Möglichkeit geben, sich selbst ein Urteil zu bilden. Das Vorwort hat der deutsche Rabbiner Walter Homolka verfasst. Haidinger: "Viele Leserinnen und Leser sagen mir, dass sie beim Lesen immer wieder innehalten mussten, um nachzudenken. Das freut mich besonders."
Das Interview mit Martin Haidinger zum Nachhören sendet "radio klassik Stephansdom" am 9. November um 19 Uhr. Im Anschluss ist die Sendung auch als Podcast abrufbar. (radioklassik.at)
Martin Haidinger: "Judenhass. Ein Virus umspannt die Welt" Ueberreuter Verlag, 2026