Budapest, 05.11.2026 (KAP/KNA) Unterdessen haben Ungarns katholische Bischöfe, die sich derzeit zu ihrem Ad-limina-Besuch in Rom aufhalten, auf die Veröffentlichung von historischen Akten der früheren kommunistischen Staatssicherheit in ihrem Heimatland reagiert. Unter den bis zu 60.000 Namen von angeworbenen Informanten und Mitarbeitern des Regimes finden sich auch jene von Geistlichen. "In ihrem Namen bitten wir die Opfer und ihre Angehörigen um Vergebung", hieß es laut Nachrichtenagentur KNA in einer am Mittwoch in Budapest veröffentlichten Erklärung der Bischofskonferenz.
Zugleich betonten die Bischöfe, es sei wichtig, angesichts der Aufsehen erregenden Veröffentlichung das größere Bild nicht aus den Augen zu verlieren. Zum einen fänden sich in dem Namenregister auch jene Personen, die angeworben wurden, aber eine Zusammenarbeit verweigerten. Weitere seien durch Erpressung oder Gewaltandrohung als Spitzel rekrutiert worden.
Zum anderen handle es sich bei der katholischen Kirche um eines der "Hauptziele" der kommunistischen Diktatur, so die Bischöfe weiter. Mehr als 100 Priester und Mönche seien ermordet, 2.000 weitere inhaftiert, religiöse Orden verbannt und kirchliche Schule nationalisiert worden.
Historiker mahnen zu Vorsicht
Seit Mittwoch ist ein Teil der kommunistischen Staatssicherheits-Akten einer breiten Öffentlichkeit über eine eigene Website zugänglich. Medien berichten seither über prominente Namen, die sich darin finden. Mit der Veröffentlichung löste die Regierung von Ministerpräsident Peter Magyar eines ihrer Wahlkampfversprechen ein. Damit soll die Aufarbeitung der kommunistischen Vergangenheit vorangetrieben und Versöhnung angestoßen werden.
Historiker und andere Experten verwiesen wiederholt auf den Umstand, dass dem Namensregister eine Kontextualisierung fehle. Für Betroffene, etwa jene, die überraschend ein Familienmitglied in den Akten vorfinden, stellt die ungarische Regierung ein Beratungsangebot zur Verfügung.
Im Gespräch mit Kathpress hatte auch der Historiker Viktor Attila Soos kürzlich davor gewarnt, Menschen allein aufgrund ihrer Nennung in Akten der früheren kommunistischen Staatssicherheit zu verurteilen. Die bevorstehende Öffnung der Archive sei ein wichtiger Schritt zur Aufarbeitung der Vergangenheit, sagte der Experte. Namen und persönliche Daten allein reichten jedoch nicht aus, um die Rolle einzelner Personen während der Diktatur zu bewerten. Historiker müssten auch prüfen, unter welchen Umständen die Staatssicherheit Informanten anwarb, ob und welche Berichte sie verfassten und welche Folgen diese hatten.
Experte Soós warnt im Kathpress-Interview vor vorschnellen Schuldzuweisungen - Ab 4. November werden Daten über Zehntausende Informanten der kommunistischen Staatssicherheit öffentlich - Auch Kirchen in Ungarn zwischen Verfolgung und Kollaboration