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Ethiker Kirchschläger: Kritik an Ethicswashing durch Tech-Konzerne

06.11.2026 14:48
Österreich/Schweiz/Technologie/Ethik/Philosophie/Religion/Wissenschaft/Wirtschaft/Politik/Theologie/KI
Kritik an multinationaler Technologiekonzernen und fehlender menschenrechtsbasierter Regulierung von datenbasierten Systemen - "Ein Roboter kann mir wunderbar Emotionen vorspielen und simulieren; so gut, dass ich gar nicht mehr merke, dass es eine Maschine ist und kein Mensch"
Wien, 06.11.2026 (KAP) Der Theologe, Philosoph und Ethiker Peter G. Kirchschläger kritisiert das "Ethicswashing" multinationaler Technologiekonzernen. Aktuell würden "einige wenige Technologiekonzerne sehr viel Geld mit den Daten der User verdienen", ohne die Verantwortung von Umweltfolgen, Menschenrechtsverletzungen, Suchtverhalten oder fehlenden Datenschutz zu übernehmen. Auch medial wirksame Versprechen zu Kinder- und Jugendschutz lösten Tech-Konzerne vielfach nicht ein, so der Berater des vatikanischen Dikasteriums für die ganzheitliche Entwicklung des Menschen im Interview mit Nachrichtenagentur Kathpress (Freitag). Er sieht daher ein "globales Momentum für eine menschenrechtsbasierte Regulierung von datenbasierten Systemen".

Der gegenwärtige Umgang mit KI folge einer Effizienzlogik, die Menschenrechte, Umweltfolgen und soziale Standards zu wenig berücksichtige, so Kirchschlägers Einschätzung. Unternehmen, Entwickler wie Staaten hinter den datenbasierten Systemen müssten die Verantwortung tragen und "auch entsprechend zur Rechenschaft gezogen werden müssen".

Nötig sei dafür eine eigene Internationale Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) bei der UNO, die sich am Modell der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) orientiert, so der Vorschlag des Ethikers, der am Donnerstag im Rahmen des "Humanitarian Congress Vienna" einen Vortrag hielt. Eine solche Institution könne nicht nur Regeln formulieren, sondern auch deren Einhaltung kontrollieren und Verstöße sanktionieren.

Eine Selbstverpflichtung der Konzerne, ethische Fragen eigenständig zu lösen, hält Kirchschlägers allerdings für unzureichend, da Macht auch kontrolliert werden sollte und die Ethikversprechen der Konzerne einer Überprüfung in Vergangenheit und Gegenwart nicht standhalten würden: "Es ist immer gut, Worte und Taten miteinander zu vergleichen." Besonders deutlich werde dies beim Schutz von Kindern und Jugendlichen. Kirchschläger verwies auf die zahlreichen Möglichkeiten kinderpornografisches Material mittels künstlicher Intelligenz (KI) bzw. deren Anwendungen herzustellen sowie auf öffentlich gewordene interne Diskussionen und Entscheidungen des US-amerikanischen Technologiekonzerns Meta. Aus diesen gehe hervor, dass der Konzern schädliche Auswirkungen seiner Plattformen auf junge Menschen kenne, aber nicht gegensteuere. Kirchschläger wertete dies auch als Argument für eine Altersbeschränkung bei Social Media, die als Suchtprodukte eigentlich besser als "Asoziale Medien" zu bezeichnen wären.

Technologiekonzerne würden Systeme bewusst so konstruieren, dass sie Menschen "an diese Bildschirme fesselt". Das Geschäftsmodell basiert laut Kirchschläger auf Datensammlung, deren wirtschaftlicher Verwertung sowie Manipulation. Letzteres passiere auch durch den Eindruck, "dass da eine emotionale Bindung da wäre". Maschinen bzw. datenbasierte Systeme würden weder über "authentische menschliche Emotionen" noch Verantwortungsgefühl besitzen. "Es macht einfach das, was wir ihm antrainiert haben", konstatierte Kirschschläger. Und weiter: "Ein Roboter kann mir wunderbar Emotionen vorspielen und simulieren; so gut, dass ich gar nicht mehr merke, dass es eine Maschine ist und kein Mensch."

Frage der Verantwortung

"Wir müssen aufpassen, dass wir nicht die gesamte Verantwortung dafür den Einzelnutzerinnen und Nutzern aufbürden", meinte Kirchschläger. Jedoch könnten auch Maschinen selbst keine Verantwortung übernehmen, da Verantwortung auf Freiheit basiere, über die technische Systeme schlicht nicht verfügten. Als Beispiel nannte der Ethiker Unfälle mit selbstfahrenden Fahrzeugen oder anderen problematischen Anwendungen; hier müsste nach den verantwortlichen Menschen, Unternehmen und Institutionen gefragt werden. Es stelle sich aber auch die Frage um die Erklärbarkeit von KI-Ergebnissen, die zwar auf von Menschen ausgewählten Daten und von Menschen gebauten Algorithmen beruhen, deren Zustandekommen aber selbst für Forschende vielfach nicht nachvollziehbar sei.

Die Erklärbarkeit dieser "Blackbox" gilt für den Gastprofessor an der ETH Zürich nicht bloß als technisches Ideal, sondern Voraussetzung für Rechenschaft und Rechtsschutz. "Wenn wir das Prinzip der Erklärbarkeit aufgeben würden, dann würden wir Rechenschaftsmöglichkeiten aufgeben, wir würden Verantwortungszuordnungen aufgeben und das würde schlussendlich an den Grundpfeilern von liberalen Rechtsstaaten rütteln."

"Der Markt war und ist allein nie fähig, gewisse rechtliche und ethische Probleme zu lösen", so Kirchschläger. Nötig seien "ethisch informierte Innovations-, Forschungs- und Entwicklungsprozesse".

Proteste gegen Umweltfolgen

Ein globales Regulierungsmomentum sieht Kirchschläger auch in den zunehmenden Protesten gegen Rechenzentren und deren ökologischen Folgen. Wenn Technologiekonzerne für den Betrieb solcher Anlagen Grundwasser anzapfen und dadurch Menschen vor Ort die Wasserversorgung verlieren würden, seien Widerstand und Protest legitim.

Die negativen Folgen datenbasierter Systeme würden konkrete Lebensrealitäten und Menschenrechte betreffen, nicht bloß abstrakte ethische Überlegungen, so der Theologe. Innovation sei nicht automatisch gut, nur weil sie technisch möglich sei. Ethische Überlegungen müssten deshalb bereits von Anfang an Forschungs-, Entwicklungs- und Innovationsprozesse begleiten, statt erst nachträglich auf problematische Folgen zu reagieren. "Wir können diese technologischen Chancen auch erreichen, indem wir Menschenrechte achten."
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