Evangelische Bischöfin in Interview mit Kirchenzeitung "Saat": "Der Evangelischen Kirche wird nach wie vor sehr viel zugetraut, und es wird viel von ihr erwartet"
Wien, 06.11.2026 (KAP) Die evangelisch-lutherische Bischöfin Cornelia Richter will den Teamgeist innerhalb der Evangelischen Kirche stärken. Im Interview mit der evangelischen Kirchenzeitung "Saat" zog Richter ein erstes Resümee nach rund einem Jahr im Amt. Sie betonte, dass an vielen Stellen in der evangelischen Kirche hervorragende Arbeit geleistet werde, "dennoch fehlt oft das Teamgefühl". Viele Mitarbeitende fühlten sich als Einzelkämpferinnen und -kämpfer, "und das ist nicht gut". In diesem Bereich könnte die Kirche deutlich stärker werden, "gemeinsam nicht nur mit Pfarrerinnen und Pfarrern oder Religionslehrern und -lehrerinnen, sondern auch mit Ehrenamtlichen". Ziel sei ein stärkeres Miteinander und das Bewusstsein: "Wir sind diese Kirche. Evangelisch in Österreich - das ist ein österreichweites Team."
Richter kam auch auf die hohe politische Bedeutung des Bischofsamtes in Österreich und im internationalen Kontext zu sprechen, "zum Beispiel bei der Gedenkfeier in Mauthausen oder beim Lutherischen Weltbund". Hier habe sie "sehr viel und schnell lernen müssen, weil ich für diese Bereiche als Professorin natürlich nicht zuständig war". Diese diplomatische Ebene sei zugleich eine Herausforderung als auch eine Chance, befand Richter: "Der Evangelischen Kirche wird nach wie vor sehr viel zugetraut, und es wird viel von ihr erwartet."
Sehr positiv bilanzierte die Bischöfin ihre vielen bisherigen Besuche in den evangelischen Pfarrgemeinden im ganzen Land. Zur Frage, mit welchen Themen sie dabei besonders konfrontiert worden sei, antwortete die Bischöfin: "In den Bundesländern ist es sehr oft der Karfreitag. In Diaspora-Gemeinden die Frage, wie man auf Kinder und Jugendliche zugeht, auf junge Familien. Weil viele Menschen sehen, dass uns eine Verjüngung guttäte."
In Wien besonders stark sei die Frage," wie es den Gemeinden geht, die zusammengelegt werden. Welche Abläufe das sind, wie man Abschied nimmt von dem Gebäude, das man bisher als Hauptkirche empfunden hat."
In ihrem zweiten Amtsjahr wolle sie nun einige Themen strategisch angehen, kündigte Richter an. Dazu zähle etwa der Einsatz für den Karfreitag oder die kirchliche Online-Präsenz, darunter auch der neue Instagram-Kanal der Bischöfin, der in den nächsten Wochen online geht (@bischoefin_corneliarichter).
Strategisch wichtig sei zudem die Professionalisierung der Mitarbeitenden unter den Stichworten "Resilienz" und "ambivalenzsensible Nachdenklichkeit". Darunter verstehe sie Situationen, so Richter, "in denen wir hin- und hergerissen sind, zum Beispiel zwischen Tradition und Innovation. Oft möchten wir Neues ausprobieren, aber dafür müssten wir irgendetwas Altes lassen." Es sei nicht leicht, sich für das eine oder für das andere zu entscheiden; oft hätten ja beide Seiten Vor- und Nachteile. Um solche Entscheidungssituationen mit mehr Sicherheit und Gelassenheit bewältigen zu können, sei es wichtig, mit Ambivalenzen resilient umzugehen.
Cornelia Richter (56) war am 8. November 2025 als erste Bischöfin der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich in ihr Amt eingeführt worden. Die Theologin war Ende Mai 2025 im ersten Wahlgang von der Evangelisch-lutherischen Synode zur neuen Bischöfin gewählt worden. Ihre Amtszeit beträgt zwölf Jahre.
Wahl eines neuen Oberkirchenrats
Bischöfin Richter hob im "Saat"-Interview auch die gute Zusammenarbeit im Evangelischen Oberkirchenrat hervor. Eine ihrer engsten Mitarbeiterinnen, die geistliche Oberkirchenrätin Ingrid Bachler, kommt ihr nun aber abhanden. Bachler geht mit Jahresende 2027 in Pension. Die Wahl des Nachfolgers bzw. der Nachfolgerin steht bereits am 8. Dezember im Rahmen der evangelischen Generalsynode in Wien an. Pfarrer Friedrich Eckhardt aus Graz und Pfarrerin Iris Haidvogel aus Gols stellen sich der Wahl. Bei der Position der geistlichen Oberkirchenrätin bzw. des geistlichen Oberkirchenrats handelt es sich um eine hauptamtliche Vollzeitstelle, Aufgabenschwerpunkt ist die Leitung des Personalbereichs. Der geistliche Oberkirchenrat bzw. die geistliche Oberkirchenrätin ist gleichzeitig Stellvertreter von Bischöfin Richter.