Direktorin Rathgeb fordert Jugendoffensive von Politik und Zivilgesellschaft - Geld soll nicht in Sicherheitsmaßnahmen, sondern Begleitung Jugendlicher fließen - Jugendzentrum Space begleitet täglich bis zu 100 junge Menschen
Innsbruck, 07.11.2026 (KAP) Mehr Investitionen in die offene Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit hat die Caritas Tirol angesichts der vielfältigen Belastungen junger Menschen gefordert. "Wir dürfen junge Menschen nicht auf ihre Probleme reduzieren. Wenn Jugendliche Probleme verursachen, dann haben sie meist selbst Probleme", betonte Elisabeth Rathgeb, Direktorin der Caritas der Diözese Innsbruck, im Rahmen einer Pressekonferenz am Freitag. So solle Geld nicht in Sicherheitsmaßnahmen fließen, sondern in die Betreuung von Jugendlichen. "Die Begleitung junger Menschen ist eine zentrale Präventionsarbeit, die langfristig Folgekosten in den Bereichen Gesundheit, Soziales und Arbeitsmarkt reduziert", betonte die Caritas-Direktorin.
"Die Herausforderungen, mit denen Jugendliche heute konfrontiert sind, werden zunehmend komplexer", so Rathgeb. Psychische Belastungen, Suchtthematiken sowie schwierige familiäre und soziale Lebenssituationen prägten immer häufiger die Arbeit der offenen Jugendarbeit und Jugendsozialarbeit, wie sich im Innsbrucker Jugendzentrum Space der Caritas zeige. Der Druck komme dabei aus unterschiedlichen Richtungen: Familie, Schule und Ausbildung, soziale Medien, Konflikte und Gewalt, wirtschaftliche Unsicherheit und globale Krisen. Auch Kriege und Fluchterfahrungen beschäftigten Jugendliche, berichtete Sebastian Gabl, Leiter von Space.
Gleichzeitig stünden Jugendeinrichtungen unter Ressourcendruck, fuhr Rathgeb fort. Für das Jugendzentrum "Space" flössen Spenden in Höhe von rund 100.000 Euro, zitierte die "Tiroler Tageszeitung" Rathgeb (7. November). Sie forderte in Zeiten von Sparpaketen eine Jugendoffensive mit Politik und Zivilgesellschaft. Rathgeb nannte hier etwa ein Stiftungsjugendzentrum und zusätzliches Personal.
Konfliktlösung ohne Gewalt
Rund 50 bis 100 Kinder und Jugendliche besuchen täglich das Jugendzentrum Space, das heuer sein zehnjähriges Bestehen feiert. Die Mitarbeitenden unterstützen Jugendliche ab zwölf Jahren bei Problemen in Schule und Ausbildung, bei Streitigkeiten und persönlichen Krisen. Darüber hinaus bietet die Einrichtung auch Ausflüge, Projekte und Ferienaktivitäten und arbeitet eng mit Streetwork, Jugendcoaching und anderen Einrichtungen zusammen. Einmal im Monat gibt es einen eigenen Mädchentag, außerdem Burschentage, bei denen unter anderem Rollenbilder und das Thema Männlichkeit aufgegriffen werden, teilte die Hilfsorganisation mit.
Auch Konflikte gehörten zum Alltag im Jugendzentrum, sagte Gabl. Darum gebe es klare Regeln: "Gewalt, Drohungen, Mobbing, Rassismus und Sexismus haben im Space keinen Platz. Respekt und ein gewaltfreies Miteinander sind zentrale Grundsätze." So wolle man den Jugendlichen zeigen, dass man Konflikte auch ohne Gewalt lösen könne. "Wir wollen, dass sie lernen, miteinander zu reden, Grenzen zu respektieren und Verantwortung für ihr eigenes Handeln zu übernehmen."
92.540 Menschen in Tirol armutsgefährdet
Viele Jugendliche kämen direkt nach dem Aufsperren ins Zentrum, um Essen zu bekommen, weil zu Hause das Geld fehle. Die soziale Lage vieler Menschen in Tirol bleibe trotz leicht rückläufiger Armutszahlen angespannt, verwies die Caritas auf aktuelle Zahlen: Laut dem jüngsten Tiroler Armutsbericht sind in Tirol 92.540 Menschen beziehungsweise 12,1 Prozent der Bevölkerung armutsgefährdet. Die Armuts- oder Ausgrenzungsgefährdung liegt bei 13,6 Prozent. Beide Werte seien gegenüber dem Vorjahr leicht zurückgegangen, gleichzeitig steige aber die Zahl jener Menschen, die dauerhaft armutsgefährdet sind, hieß es seitens der Hilfsorganisation.
Wie angespannt die Situation vieler Haushalte sei, zeige sich auch in den Sozialberatungsstellen der Caritas. Bis Ende Oktober 2026 seien dort mehr als 4.300 Beratungen durchgeführt worden. Neben Beratung bietet die Caritas konkrete Unterstützung bei Energiekosten und beim Energiesparen an. Dazu zählen finanzielle Überbrückungshilfen, Unterstützung bei Anträgen, Energiesparberatung sowie der kostenlose Tausch ineffizienter Elektrogeräte für anspruchsberechtigte Haushalte. (Info: www.caritas-tirol.at/armut)