Großneffe des NS-Widerstandskämpfers Korenke hält bisherige Gedenkformen für starre Rituale und schlägt vor soziale Medien stärker für interaktive Erinnerungsarbeit zu nützen
Berlin, 07.11.2026 (KAP/KNA) Der Großneffe des evangelischen Theologen und NS-Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, Tobias Korenke, hat die deutsche Erinnerungskultur scharf kritisiert. "Wir haben uns in der Erinnerungskultur zu sehr auf erstarrte Rituale verlassen. Wir fühlen uns ganz gut, wenn wir am 9. November der Judenverfolgung, am 27. Januar der Holocaust-Opfer gedenken und am 20. Juli der Widerstandskämpfer. Aber daraus folgt nichts", sagte er am Samstag im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) in Berlin. Ihn erreichten erstaunlich viele Zuschriften von Menschen, die sagten: "Interessiert doch gar keinen mehr. Die NS-Zeit ist genauso relevant wie der Dreißigjähriger Krieg."
Erinnerungskultur sei immer ein bisschen ein "Studienratsprojekt" gewesen, das eher auf gebildete Schichten abzielte: "Es ist uns in Hauptschulen und Realschulen nicht wirklich gelungen, mit diesem Thema durchzudringen." Außerdem sei bei dem Thema viel zu lange ausgeblendet worden, dass Deutschland eine Einwanderungsgesellschaft ist: "Wie sollen und können Menschen, die aus anderen Ländern zu uns gekommen sind und hier leben, eigentlich mit unserer Geschichte umgehen? Welche Rolle spielt die deutsche Erinnerungskultur für ihr Leben?"
Soziale Medien stärker nutzen
Korenke warb dafür, stärker die sozialen Medien für eine interaktive Erinnerungsarbeit zu nutzen: "Darüber können wir eine große Bandbreite von Menschen erreichen. Und dabei sollten wir nicht nur die NS-Zeit im Blick haben, sondern genauso die Zeit der DDR-Diktatur." Man sollte zudem überlegen, ob sich nicht Angebote mit Moscheegemeinden oder anderen Religionsgemeinschaften entwickeln ließen. Letztlich gehe es ja darum, gemeinsam in den Austausch über Geschichte zu kommen. "Meiner Erfahrung nach geht das immer am besten, wenn Geschichte personalisiert wird, über individuelle Schicksale. Ich bin dann doch immer wieder ganz begeistert, wie viele Menschen man damit abholen kann", so Korenke.
Bonhoeffer
Bonhoeffer zählt zu den wichtigsten Figuren der christlichen Opposition gegen Hitler und war die prägende Gestalt der protestantischen Bekennenden Kirche. 1941 erhielt er Rede- und Schreibverbot. Wegen seiner Verbindungen zum Widerstand wurde er 1943 verhaftet. Am 9. April 1945 erhängte ihn die SS auf persönlichen Befehl Adolf Hitlers nach einem Schnellverfahren im Konzentrationslager Flossenbürg.