Linzer Bischof bei Fachtagung "Seelenstärke - Spiritualität heute leben" in Puchberg über die Bedeutung von Raum für Trauer, Stille, Schönheit und Freundschaft für seelische Widerstandskraft
St. Pölten , 08.11.2026 (KAP) Zu einem bewussten Umgang mit geistiger Nahrung hat der Linzer Bischof Manfred Scheuer bei einer Fachtagung in Puchberg aufgerufen. Bei der Tagung "Seelenstärke - Spiritualität heute leben" vergangenen Freitag (6. November) sprach er über Einflüsse, die die menschliche Seele prägen, und darüber, was sie nährt und stärkt. Dazu zählte er Raum für Trauer und Melancholie, Ruhe und Kontemplation, Schönheit sowie Freundschaft und menschliche Nähe. "Alles, was wir aufnehmen, prägt die Seele, so wie Fußspuren im Lehm", sagte Scheuer in seinem Impuls unter dem Titel "Der Mensch ist, was er isst".
"Die Seele ist unsere innere Landschaft", so Scheuer. Erfahrungen und Erlebnisse, die auf die Menschen einwirkten, machten sie gesund oder krank, oberflächlich oder tiefsinnig, egoistisch oder solidarisch. Auch Zeitungen, Internetnachrichten, Filme, Musik, Bücher und persönliche Gespräche prägten die Wahrnehmung und das Denken. Einseitige geistige Nahrung könne zu verzerrtem Denken führen. Scheuer nannte vier wesentliche Bedürfnisse für seelische Gesundheit und Widerstandskraft.
Dazu gehöre erstens Raum für Trauer und Melancholie, die in einer auf Erfolg, Leistung und Jugendlichkeit ausgerichteten Gesellschaft drohten, an den Rand gedrängt zu werden. Wo Mitleid und Barmherzigkeit keinen Platz hätten, entstünden neue "Kälteströme", so Scheuer. Mit Blick auf Papst Franziskus und den Theologen Johann Baptist Metz hob Scheuer die Bedeutung von Compassion, also mitfühlender Anteilnahme, hervor. Fremdes Leid wahrzunehmen, gehöre zur Friedenspolitik und zur sozialen Solidarität. "Freiheit ohne Mitleid, ohne Empathie wird zur Tyrannei. Mitleid ohne Macht wird zur Verdoppelung des Unglücks", so der Bischof. Er warnte davor, Alte, Kranke und Behinderte aus dem öffentlichen Blickfeld zu verbannen.
"Einfaches Dasein vor Gott" ohne Leistungsdruck
Die Seele brauche zweitens Ruhe und Kontemplation, Zeiten der Stille und Freiräume ohne Leistungsdruck. Kontemplation sei "einfaches Dasein vor Gott". Eine positive Kultur der Einsamkeit sei Voraussetzung für schöpferische, geistige und geistliche Tätigkeiten. Drittens brauche die Seele Schönheit, d. h. Erfahrungen der Lebensfreude und intensiver Beziehungen, die etwas vom Geheimnis Gottes ahnen ließen. "Es gibt Sternstunden des Lebens, die wir nie vergessen", sagte Scheuer. Solche Erinnerungen seien Anker der Hoffnung, "und geben Zuversicht auch in dunklen Stunden und lassen nicht verzweifeln".
Viertens seien persönliche Begegnungen und Freundschaft unverzichtbar. Ohne menschliche Nähe und Berührung verkümmerten Menschen emotional. Zur Freundschaft gehörten sowohl Beziehungen zu anderen Menschen als auch die Freundschaft mit Gott und Erfahrungen von Güte. Die leibliche Gegenwart anderer Christen sei für Gläubige eine "Quelle unvergleichlicher Freude und Stärkung".
Trotzdem "Ja zum Leben" sagen
Abschließend verwies Scheuer auf die Bedeutung ethischer Überzeugungen, Selbstbeherrschung und einer bewussten Lebensgestaltung für die Widerstandskraft. Auch Hass, Verachtung, Feindbilder und Gleichgültigkeit bezeichnete er als "tödliche Viren", gegen die es das eigene Leben zu stärken gelte. Auch alles, was unfrei, abhängig und süchtig mache, wie Geld, Drogen, Spiel und Geltung, schwäche das eigene Leben. In Zeiten der Krise sei es wichtig, am Fundament des Lebens zu arbeiten. Dazu zitierte Scheuer den jüdischen Wiener Arzt Viktor E. Frankl, der das Konzentrationslager überlebt hatte: "Wer ein Warum zu leben hat, erträgt fast jedes Wie." Trotzdem "Ja zum Leben" zu sagen und auch zum Sterben, das gelte es lebenslang einzuüben, betonte Scheuer.
Tagung
Die von Beziehungleben.at und der Diözese Linz organisierte Fachtagung richtete sich an hauptamtliche und ehrenamtliche Mitarbeiter sowie Diakone. Dabei beschäftigte sich u. a. die Theologin Silvia Hagleitner mit der Bedeutung der drei göttlichen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe für Lebensbejahung und Lebendigkeit im Alltag. Der Religionswissenschaftler Martin Rötting widmete sich den spirituellen Kraftquellen verschiedener Religionen. Die Theologin Michaela Quast-Neulinger stellte die Bedeutung von Glaube als tragender Verbundenheit und als Ressource für einen konstruktiven Umgang mit der Verwundbarkeit des Lebens in den Mittelpunkt.