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Historiker: Vatikanarchive zu Pius XII. auch für Österreich wichtig

Professor für Kirchengeschichte an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien
© Universität Wien
Wiener Kirchenhistoriker Klieber will Forschungsinitiative zu "Pius XII. und Österreich" ins Leben rufen - Experte sieht Fülle an relevanten Themen, über Verhalten in Kriegsjahren bis hin zu Bischofsbestellungen und der kirchliche Neuorganisation Österreichs nach 1945
Pius XII.-Archive
20.02.2020, 11:43 Uhr Österreich/Vatikan/Geschichte/Kirche/Papst/Forschung/Pius.XII/Klieber
Wien, 20.02.2020 (KAP) Eine Forschungsinitiative zum Thema "Pius XII. und Österreich" will der Wiener Kirchenhistoriker Rupert Klieber ins Leben rufen. Die Anfang März bevorstehende Öffnung der vatikanischen Archive zum Pontifikat von Papst Pius XII. (1939-1958) seien auch für Österreichs Bemühungen um die Aufarbeitung kirchlicher Zeitgeschichte eine "gewaltige neue Herausforderung", erklärte Klieber am Donnerstag auf Anfrage von "Kathpress". Der Experte sieht mit Blick auf Österreich eine Fülle an relevanter Themenfelder und zu klärender Fragen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs aber auch nach 1945.

Von Interesse sei etwa, welche Informationen während der Kriegsjahre aus österreichischen Kirchenkreisen in den Vatikan gelangten und welche Wirkungen sie dort entfalteten, so Klieber exemplarisch. "Inwieweit gab es Anweisungen und Anregungen der römischen Kirchenzentrale für das Verhalten und Agieren der heimischen Kirchenleute in der Zeit des NS-Regimes bzw. Weltkriegs?", formuliert der Kirchenhistoriker eine weitere Forschungsfrage. Und: "Welches Wissen und welche Haltungen der betroffenen Akteure zu den Verbrechen des NS-Regimes wie der Shoa lassen die neuen Quellen erkennen?"

Aber auch zur Einschätzung politischer und kirchlicher Entwicklungen im Österreich der Nachkriegszeit könnten Dokumente aus den vatikanischen Archiven neue Erkenntnisse bringen. Eine wesentliches Thema sieht Klieber hier u.a. im Ausmaß des Einflusses der römischen Kurie auf die kirchliche Neuorganisation Österreichs nach 1945, etwa im Hinblick auf die Abkehr vom politischen Katholizismus hin zum Konzept der Katholischen Aktion.

Ebenso könnten durch vatikanische Quellen bisher unbekannte Hintergründe zu wichtigen Bischofsbestellungen bekannt werden, darunter jene von Franz König für Wien und Andreas Rohracher für Salzburg. Gleiches gilt für den spektakulären Rückzug des vom Papst ernannten Wiener Koadjutors Franz Jachym während des laufenden Gottesdienstes zur Bischofsweihe im Stephansdom.

Auch zur Frage, ob vatikanische Impulse die politischen Bemühungen um eine Aussöhnung der politischen Lager in Österreich förderten oder konterkarierten, könnte aus Sicht des Kirchenhistorikers die Suche nach entsprechenden Akten in den vatikanischen Archiven lohnen. Eine mögliche "spirituelle und diplomatische Schützenhilfe" des Vatikan für Österreichs Bemühungen um das Ende der Besatzung des Landes durch die alliierten Streitkräfte steht ebenso im Raum.

Weitere Klärungen könnte es zudem darüber geben, inwieweit die politischen Spannungen und Ängste nach 1945 im Kontext der kommunistischen Putsche in Osteuropa bzw. des Kalten Krieges das kirchliche Handeln bestimmten, so Klieber. Dazu stelle sich die Frage, ob Österreich durch seine geschichtliche und geographische Nähe zu den betreffenden Ländern eine maßgebliche Rolle zu kam.

Bewährte Kooperation

Wie rasch es in diesen Fragen zu Ergebnissen kommen kann, ist freilich noch unklar. Österreichs Kirchenhistoriker verfügten "bei weitem" nicht über die personellen und finanziellen Ressourcen Kollegen in anderen Ländern, allen voran Deutschland, erinnerte Klieber gegenüber "Kathpress".

Nach der 2006 erfolgten Öffnung der vatikanischen Archive zum Pontifikat von Papst Pius XI. (1922-39) leitete der Wiener Kirchenhistoriker in den vergangenen zehn Jahren ein umfangreiches Forschungsprojekt zum Verhältnis von Pius XI. und Österreich. Auch für die Österreich-Forschung zum Nachfolger-Pontifikat von Pius XII. gelte es nun, die schon bewährte Kooperation mit Partnern zu suchen, vor allem dem Österreichischen Historischen Institut in Rom sowie dem Forschungsnetzwerk des Münsteraner Kirchenhistorikers Hubert Wolf. Klieber: "Auf dieser Basis soll erneut versucht werden, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu Dissertationsprojekten im großen vielversprechenden Forschungsterrain zu motivieren, ebenso Kolleginnen und Kollegen aus der heimischen (kirchen-)historischen Landschaft zu gezielten Studien bzw. Forschungsaufenthalten in Rom."
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