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Historiker: Debatte um Papst und Schoah wird "zu hoch gehängt"

Archiv, Bibliothek, historische Schriften
© Luiza Puiu / ICARUS
Vatikan öffnet Archive, die den Zeitraum bis 1958 umfassen - Historiker erwartet sich wichtige Erkenntnisse zum Handeln des Heiligen Stuhls während der Nachkriegszeit
20.02.2020, 11:49 Uhr Italien/Geschichte/Kirche/Forschung/Papst/Pius.XII/NS.Zeit
Rom, 20.02.2020 (KAP) Die Öffnung der Vatikan-Archive zum Pontifikat von Pius XII. (1939-1958) wird nach Einschätzung des Historikers Martin Baumeister keine grundlegend neuen Erkenntnisse über die Haltung des Papstes gegenüber der NS-Judenverfolgung bringen. Die Fortsetzung der Debatte um einen möglichen Protest Pius' XII. werde "zu hoch gehängt", sagte Baumeister, Leiter des Deutschen Historischen Instituts in Rom, im Interview mit der Nachrichtenagentur "Kathpress". Wichtige Erkenntnisse erwartet sich der Wissenschaftler hingegen zum Handeln des Heiligen Stuhls in der globalen Neuordnung der Nachkriegszeit, etwa im beginnenden Kalten Krieg und beim Rückzug der Kolonialmächte. Hintergrund ist die für 2. März angekündigte Öffnung der vatikanischen Archive, die den Zeitraum bis 1958 umfassen, für Forscher.

Baumeister sagte mit Blick auf die Diskussion um Rolf Hochhuths Drama "Der Stellvertreter" und dessen Kritik an Pius XII., die Medien hätten ihre Erwartungen, "und in Deutschland betrifft das Hochhuth". Auch einzelne Wissenschaftler würden dieses Thema noch einmal platzieren wollen. Allerdings habe es über Hochhuth hinaus schon in der Vergangenheit eine internationale Debatte gegeben, die auch der Vatikan mit einer eigenen Kommission aufgegriffen habe. Baumeister warnte jedoch davor, die Diskussion "zu sehr zu isolieren und aus dem Zusammenhang zu lösen".

Mit Blick auf die Nachkriegszeit sagte Baumeister, durch die Archivöffnung komme man jetzt an Nuntiatur-Akten aus Lateinamerika, Asien und Afrika in einer "Schlüsselphase der globalen Neuordnung, in der sich die Kolonialmächte allmählich zurückziehen". Darin sei die Kirche ambivalent involviert.

Als weitere Forschungsinteressen nannte Baumeister die Haltung der katholischen Kirche zu den Menschenrechten vor dem Hintergrund der NS-Erfahrung, ihre Rolle bei der Gründung der Vereinten Nationen oder in der Blockbildung. Angesichts der antikommunistischen Einstellung Pius XII. habe der Vatikan eine enorme Rolle beim Aufbau eines Feindbildes gespielt; andererseits seien für ihn auch die Betreuung von Katholiken in Ostblockstaaten und der Dialog mit der Orthodoxie Anliegen gewesen. Ein eigenes Thema sei die Gründung des Staates Israel.

Baumeister wandte sich gegen das Ansinnen, mit der Erforschung der Vatikan-Akten aufsehenerregende Einzeldokumente zutage zu fördern. "Am Ende ist historische Arbeit in so einem großen Archiv relativ unspektakulär. Man braucht Zeit und ein gutes Konzept. Eine Goldgräbermentalität halte ich für eine ganz verderbliche Einstellung", sagte Baumeister.
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