Politologe Bitar: Dynamik im Land heute deutlich anders als 2024, Hisbollah-Miliz heute "Iran-gesteuert" und ohne Rückhalt in Bevölkerung
Beirut, 09.03.2026 (KAP) Nach einer Woche schwerer israelischer Bombardierungen im Libanon mit über 500.000 Binnenflüchtlingen warnt der Politikwissenschaftler Karim Émile Bitar vor einer weiteren Eskalation des Konflikts. Die Angriffe folgten auf Raketenbeschuss der schiitischen Miliz Hisbollah. Für viele Menschen im Land sei dies "ein Krieg, den niemand wollte", sagte der Nahost-Experte und Leiter des Instituts für Politikwissenschaft an der Sankt-Josefs-Universität Beirut im Interview mit Radio Vatikan (Montag).
Seit der Tötung des langjährigen Hisbollah-Führers Hassan Nasrallah vor rund 18 Monaten habe sich die Dynamik im Land stark verändert. "Viele Libanesen haben heute das Gefühl, dass die Hisbollah direkt von Iran und den Revolutionsgarden kontrolliert wird", sagte Bitar. Der Einfluss aus Iran sei in den vergangenen Monaten deutlich gewachsen.
Eine neue Eskalationsstufe sei nach dem Tod des iranischen Revolutionsführers Ajatollah Ali Chamenei erreicht worden. Die darauf folgenden Raketenangriffe der Hisbollah hätten Israel laut Bitar einen "lange erwarteten Vorwand" geliefert, um eine großangelegte Offensive gegen den Libanon zu beginnen.
Überforderte Armee
Gleichzeitig sieht der Experte die Hisbollah militärisch geschwächt. Sie habe bereits "rund 80 Prozent ihrer Kapazitäten eingebüßt". Zudem schwinde der Rückhalt in der Bevölkerung: "Sogar ihre eigene Basis versteht die strategische Positionierung nicht mehr. Die Hisbollah hat keine Verbündeten mehr in anderen libanesischen Gemeinschaften."
In dieser Lage wird häufig die libanesische Armee aufgefordert, die Kontrolle über das gesamte Staatsgebiet zu übernehmen. Doch auch hier dämpft Bitar die Erwartungen. Die Streitkräfte seien "völlig überfordert". Sie müssten gleichzeitig die Grenze zu Syrien sichern, den Drogenhandel bekämpfen und die innere Sicherheit gewährleisten.
Hinzu komme ein internationales Paradox: "Einerseits fordert man die Entwaffnung der Hisbollah, andererseits verweigern die internationalen Mächte der libanesischen Armee schwere Waffen, mit denen sie Israel Widerstand leisten könnte", sagte Bitar. Dies habe dazu geführt, dass sich die Armee angesichts drohender israelischer Bodeninvasionen zurückziehen musste.
Spielball der Geopolitik
Die Stimmung im Land beschreibt der Politikwissenschaftler als erschöpft. Es herrsche das Gefühl, dass die Hisbollah das Land in ihren eigenen "Selbstmord" hineinziehe für Raketenangriffe, die militärisch kaum Wirkung zeigten und oft in unbewohnten Gebieten einschlügen.
Hinter der Eskalation sieht Bitar vor allem geopolitische Interessen. "Es ist eine iranische Entscheidung, das Spektrum des Krieges zu erweitern, damit die USA und Israel an mehreren Fronten gebunden sind", sagte er. Ziel sei es auch, die öffentliche Meinung in den Vereinigten Staaten gegen eine weitere militärische Eskalation im Nahen Osten zu wenden.
Vorwurf des Phosphor-Einsatzes
Unterdessen wirft die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch der israelischen Armee vor, bei neuen Angriffen im Südlibanon weißen Phosphor eingesetzt zu haben. In einem Bericht erklärte die Organisation, sie habe "sieben Bilder verifiziert und geolokalisiert", die den Einsatz solcher Munition über einem Wohnviertel der Stadt Yohmor sowie Feuerwehr- und Zivilschutzeinsätze bei Bränden in Häusern und einem Fahrzeug zeigen sollen.
Weißer Phosphor entzündet sich beim Kontakt mit Sauerstoff und wird militärisch etwa zur Erzeugung von Rauchschleiern oder zur Beleuchtung von Schlachtfeldern eingesetzt, kann aber auch als Brandwaffe wirken. "Der rechtswidrige Einsatz von weißem Phosphor über Wohngebieten ist äußerst alarmierend und wird schwerwiegende Folgen für Zivilisten haben", erklärte HRW-Libanonforscher Ramzi Kaiss.
Nach Angaben der libanesischen Behörden wurden seit Beginn der jüngsten Angriffe mindestens 394 Menschen getötet, mehr als eine halbe Million Menschen seien auf der Flucht.
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