Theologin: Ungarn nach Regierungswechsel vor "historischer Chance"
10.05.202614:59
(zuletzt bearbeitet am 10.05.2026 um 16:03 Uhr)
Ungarn/Politik/Wahl/Christentum
Aus Ungarn stammende Herbert-Haag-Preisträgerin Rita Perintfalvi sieht Abwahl Viktor Orbáns als "friedliche Wahlkabinenrevolution" - Wiederaufbau des Landes fange mit Angelobung Peter Magyars nun erst an
Wien, 10.05.2026 (KAP) Die ungarische Theologin und Publizistin Rita Perintfalvi sieht Ungarn nach dem Machtwechsel bei der Parlamentswahl vom 12. April vor einer "historischen Chance". Nach 16 Jahren Regierung unter Ministerpräsident Viktor Orbán habe das Land mit der am Samstag erfolgten Angelobung von Péter Magyar als Regierungschef nun die Möglichkeit, "nach Europa zurückzukehren", erklärte Perintfalvi in einer Analyse für das Theologie-Portal feinschwarz.net. Die Theologin, die sich an der Universität Graz habilitiert, heuer mit dem Herbert-Haag-Preis ausgezeichnet wurde und sich seit Jahren gegen Rechtsextremismus engagiert, bezeichnete die Wahl als "friedliche Wahlkabinenrevolution". Der Wiederaufbau des Landes fange freilich jetzt erst an.
Perintfalvi zog Parallelen zur ungarischen Revolution von 1956. Damals habe sich die Jugend gegen die sowjetische Unterdrückung erhoben, heute habe eine neue Generation dem zunehmend autoritären System Orbáns eine Absage erteilt. Besonders die hohe Wahlbeteiligung von nahezu 80 Prozent wertete sie als Zeichen eines politischen Erwachens. Vor allem junge Menschen zwischen 18 und 29 Jahren hätten laut Umfragen mehrheitlich "für Wandel und Zukunft" gestimmt.
Aus Sicht der Theologin entwickelte sich Ungarn seit 2010 schrittweise von einer liberalen Demokratie zu einer "Wahlautokratie" mit autoritären Zügen. Zwar sei Orbán demokratisch an die Macht gekommen, nach seiner Rückkehr ins Amt habe er jedoch systematisch demokratische Kontrollmechanismen geschwächt. Perintfalvi verweist dabei auf Eingriffe in die Medienfreiheit, die Unabhängigkeit der Justiz sowie die Gewaltenteilung. Politikwissenschaftler hätten das ungarische Modell daher als "hybrides Regime" oder "kompetitiv autoritäres System" beschrieben, in dem Wahlen zwar formal stattfänden, die politischen Bedingungen jedoch zugunsten der Regierungspartei verzerrt seien.
Christentum politisch instrumentalisiert
Besonders kritisch beurteilt Perintfalvi die zunehmende politische Instrumentalisierung des Christentums. Das von Orbán propagierte Modell einer "christlichen Demokratie alten Schlags" habe mit klassischer europäischer Christdemokratie wenig gemein. Stattdessen seien die Kirchen in Ungarn zunehmend finanziell, juristisch und ideologisch von der Regierung abhängig geworden. Christliche Symbolik sei zur Legitimation eines autoritär-populistischen Systems eingesetzt worden.
Als Wendepunkt bezeichnet Perintfalvi eine Rede Orbáns am 15. März 2025, dem Jahrestag des ungarischen Freiheitskampfes von 1848. Darin habe der Regierungschef politische Gegner und regierungskritische Bürger als "überwinternde Wanzen" bezeichnet und eine "große Säuberungsaktion" angekündigt. Diese Wortwahl habe Erinnerungen an autoritäre Regime des 20. Jahrhunderts geweckt und breite gesellschaftliche Proteste ausgelöst. Hunderte Privatpersonen und Organisationen hätten daraufhin Strafanzeigen wegen des Verdachts der Aufwiegelung eingebracht.
Weitere Eskalationspunkte seien das sogenannte "Stop-Pride"-Gesetz vom März 2025 sowie ein später eingebrachter Gesetzentwurf zur "Transparenz des öffentlichen Lebens" gewesen. Ersteres führte zum Verbot von LGBTQ-Veranstaltungen wie der Budapest Pride unter Berufung auf den Jugendschutz. Der zweite Entwurf zielte laut Perintfalvi darauf ab, freie Medien und zivilgesellschaftliche Organisationen wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Beide Maßnahmen hätten massive Proteste hervorgerufen. Die Budapester Pride im Juni 2025 entwickelte sich nach ihren Angaben mit Hunderttausenden Teilnehmern zu einem "ikonischen Akt des Widerstands".
Perintfalvi sieht im Wahlausgang vom April daher "die letzte friedliche Chance", einen weiteren Übergang in Richtung Diktatur zu verhindern. Nun müsse die neue Regierung unter Premier Magyar konsequent Verantwortung einfordern und die Missstände der vergangenen Jahre aufarbeiten. Es gelte alle rechtlichen Mittel zu ergreifen, "damit all jene, die für die Zerstörung, Ausplünderung und den Verrat des Landes verantwortlich sind, ihre verdiente Strafe erhalten". Der politische Übergang dürfe sich nicht wie nach 1989 wiederholen, als frühere Machteliten ihren Einfluss bewahrt hätten. Ungarn müsse aus seiner Geschichte lernen, "um eine freie, menschenwürdige und europäische Zukunft zu haben", so die Theologin. (link: www.feinschwarz.net/ungarn-steht-vor-einer-historischen-chance)
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