Leo XIV. ruft Europa zu Politikwandel auf - Von Kathpress-Korrespondentin Sabine Kleyboldt
Las Palmas, 11.06.2026 (KAP) Er ist bekannt als "Hafen der Schande": der Porto di Arguineguín im Südwesten Gran Canarias, wo im vergangenen Jahrzehnt so viele Menschen aus Afrika ankamen - oder auch nicht ankamen. Laut Zahlen des spanischen Staatsfernsehens TVE landeten im laufenden Jahr 3.184 Migranten per Boot auf den Kanaren; 635 starben unterwegs auf der Atlantikroute von Afrikas Westküste. Doch die Dunkelziffer an Toten ist laut der Flüchtlingsorganisation Caminando Fronteras erheblich höher. Es handelt sich um die gefährlichste Migrationsroute der Welt.
An diesen Ort ist Papst Leo XIV. am sechsten Tag seiner Spanien-Reise gekommen, um den Blick auf das komplexe Thema Migration zu lenken. Nun sitzt er unter einem Baldachin an der Hafenkante und hört Zeugnisse von Menschen, die Unmenschliches erlebt haben.
Eine Frau aus Nigeria, die anonym bleiben will, weil sie Opfer von Menschenhandel wurde, möchte nicht selbst sprechen; eine andere Frau aus Afrika verliest ihren Part. Sie habe keine andere Möglichkeit für ein sicheres Leben gesehen, als sich auf die gefährliche Route nach Europa zu machen, lässt die Frau wissen. Doch dort angekommen, nahmen ihr Menschenhändler ihr Baby ab und zwangen sie in die Prostitution.
Keine holzschnittartigen Lösungen
Sichtlich bewegt folgt Papst Leo den Erfahrungsberichten, die ihm an dem sonnigen Junitag vor einladend blauem Meer vorgetragen werden. Dann ergreift er selbst das Wort. Einmal mehr präsentiert er in seiner Rede weder holzschnittartige Lösungen zu dem komplexen Thema Migration noch platte Anschuldigungen.
Eindringlich wirbt er um Respekt für die Würde der Migranten, die auf dem Seeweg nach Europa kommen. "Hier kommen so viele verwundete Menschenleben an, denen fast alles genommen wurde, aber niemals ihre Würde." Deshalb seien Christen besonders gefordert.
"Die Kirche darf sich weder von diesen Gewässern abwenden noch von irgendeinem Ort, an dem Hunger, Durst, Gewalt, Angst oder Exil weiter die Menschenwürde verletzen", sagt er. Menschenhändler und mafiöse Organisationen, die Migranten ausbeuten, etwa Frauen und Kinder versklaven, nennt der Papst "Ungeheuer".
Dann dankt er allen, die sich an Rettungsaktionen, Aufnahme und Begleitung beteiligen. Viele von ihnen, etwa Engagierte der Caritas, sitzen auf Plastikstühlen an der Mole und folgen den Worten des Gastes gebannt. Auch sind viele anwesend, die sichtlich nicht Einheimische sind.
Leben von Migranten muss geschützt werden
"Ich möchte mich vor eurer Würde verneigen", richtet sich Leo XIV. an alle Migranten. "Überlasst eure Existenz nicht denen, die damit Handel treiben." An Europa appelliert er, es reiche nicht aus, Ankünfte zu verwalten, Grenzen zu sichern oder Todesfälle zu beklagen.
Nachdrücklich fordert der Papst "legale und sichere Wege, Rettung und Hilfe, echte Zusammenarbeit gegen Menschenhändler, wirksamen Opferschutz, ernsthafte Aufnahme- und Integrationsprozesse sowie politische Maßnahmen, die jedem Menschen ermöglichen, in seiner Heimat in Würde zu leben". Europa könne nicht Menschenwürde proklamieren und sich daran gewöhnen, dass das Meer zu einem Friedhof werde.
Blumen für ertrunkene Migranten
Damit greift Leo ein Wort seines Vorgängers Franziskus (2013-2025) auf. Und wie dieser setzt er ein Zeichen für die vielen Menschen, die es nicht lebend bis an die ersehnte europäische Küste geschafft haben. Genau wie Franziskus auf der süditalienischen "Flüchtlingsinsel" Lampedusa tritt Leo XIV. ans Hafenbecken und wirft ein Blumengebinde ins Wasser. Länger spricht er mit Männern aus Afrika. Dann geht er vor ein Kreuz aus groben blauen Balken und segnet es: Es besteht aus den Planken eines der vielen Flüchtlingsboote.
Ein paar Meter weiter ist eine Initiative zu sehen, die Mut machen will: An der "Wand der Hoffnung" können Menschen auf bunten Aufklebern positive Botschaften hinterlassen. Die Aufkleber haben die Form eines Fußabdrucks: Anspielung darauf, dass die Migranten häufig barfuß die Insel erreichen. Mit dieser Initiative soll sich der "Hafen der Schande" in einen "Hafen der Hoffnung" verwandeln.
Leo XIV. in eindringlicher Rede im Hafen von Arguineguin auf Gran Canaria: "Die Menschenwürde hat keinen Reisepass und verliert ihren Wert beim Überqueren einer Grenze nicht"