Leo XIV. auf "Flüchtlingsinsel": Schutz und Integration müssten Vorrang haben und die Ursachen von Flucht entschlossener bekämpft werden
Vatikanstadt/Rom, 04.07.2026 (KAP) Papst Leo XIV. hat die EU zu einem langfristigen und menschenwürdigen Umgang mit Migranten aufgerufen. Aufgrund seiner geografischen Lage und seiner institutionellen Struktur sei Europa in der Lage, die Krise in diesem Bereich ganzheitlich anzugehen, sagte das Kirchenoberhaupt am Samstag auf der "Flüchtlingsinsel" Lampedusa im Mittelmeer.
Leo XIV. forderte, die Soforthilfe in einen langfristigen strategischen Plan einzubinden, "der Migranten aufnimmt, schützt, fördert und integriert und gleichzeitig auf Entwicklung hinarbeitet, damit niemand zur Auswanderung gezwungen wird". All dies müsse unter Wahrung der Würde jedes Einzelnen geschehen, betonte der Papst. Die Verantwortung dafür sieht Leo nicht allein bei den öffentlichen Institutionen, sondern auch bei der Zivilgesellschaft und der Kirche.
Die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa ist für Migranten aus Nordafrika der nächstgelegene Punkt in Europa. Nach Angaben des Projekts "Missing Migrants" der Internationalen Organisation für Migration starben oder verschwanden seit 2014 insgesamt 35.070 Menschen im Mittelmeer (Stand: 4. Juli).
"Die Toten in diesem Meer sind Opfer sowohl getroffener als auch versäumter Entscheidungen", kritisierte Leo XIV. in seiner Predigt auf dem Sportplatz der Insel. Er prangerte Gleichgültigkeit, Korruption in den Herkunftsländern, ein ausgrenzendes und Armut schaffendes globales Wirtschaftssystem sowie jene an, die aus dem Leid anderer Profit schlagen.
Verschärfte Abschieberegelungen der EU
Erst vor zwei Wochen hatte das EU-Parlament endgültig grünes Licht für ein schärferes und schnelleres Vorgehen bei Abschiebungen gegeben. Laut der sogenannten Rückführungsverordnung können Migranten ohne Bleiberecht unter bestimmten Umständen bis zu 30 Monate in Abschiebehaft genommen werden. Mit der neuen Regelung werden auch spezielle Rückkehrzentren außerhalb der Union möglich.
Hilfsorganisationen sowie Kirchenvertreter befürchten mehr haftähnliche Unterbringungen und Freiheitseinschränkungen. Kritisiert wird zudem die Situation von Familien und unbegleiteten Minderjährigen.
In Bezug auf Lampedusa, das stark von Tourismus geprägt ist, warnte der Papst davor, eine unsichtbare Mauer zwischen dem "Meer der Schiffbrüchigen und jenem der Urlauber" zu errichten. Für viele bedeute Urlaub lediglich Ablenkung, Unbeschwertheit und Sorglosigkeit. Migrationsströme könnten da "leider" als eine Bedrohung erscheinen, auf ihre dramatischen Seiten könnte mit Gleichgültigkeit oder Ablehnung reagiert werden.
An die Inselbewohner appellierte Leo, kreativ zu werden, damit "jeder, der eine Zeit - auch zur Erholung - auf dieser Insel verbringt, menschlicher wird". Wahre Erholung gebe es dort, wo der Sinn des Lebens wiedergefunden werde, und wahres Wohlergehen dort, wo die Wirtschaft gerecht und geschwisterlich sei.
Lampedusa würdigt den Einsatz von Papst Franziskus für Flüchtlinge und Migranten mit einem nach ihm benannten Landungssteg. Sein Nachfolger Leo XIV. segnet die neue Gedenkstätte bei seinem Inselbesuch.