Caritas-Europa-Präsident warnt vor Verkümmerung legaler Zuwanderungswege: "Legale Migration ist in der EU zum Tabuthema geworden" - EU-Innenminister beraten nach Ceuta-Krise über gemeinsame Reaktion
Wien/Madrid, 04.08.2026 (KAP) Der Präsident der Caritas Europa, Michael Landau, fordert eine neue Debatte über legale Zuwanderung und das Recht, nicht auswandern zu müssen. Vor dem Hintergrund der Migrationskrise in der spanischen Nordafrika-Exklave Ceuta, wo Ende vergangener Woche rund 72.000 Menschen aus Marokko versuchten, die Grenze zu erreichen, plädierte Landau für eine europäische Migrationspolitik, die neben dem Schutz der Außengrenzen und funktionierenden Asylverfahren auch reguläre Wege nach Europa eröffnet. "Legale Migration ist in der EU zum Tabuthema geworden", kritisierte Landau gegenüber der Nachrichtenagentur Kathpress.
Er verstehe und teile den Wunsch, dass Europa wissen müsse, "wer kommt und bleibt", sagte Landau. Sichere Grenzen und rasche, qualitätvolle Asylverfahren seien wichtige Voraussetzungen dafür, Möglichkeiten zur legalen Arbeitsmigration zu schaffen. Doch gerade diese zweite Seite der Migrationspolitik sei "völlig unterentwickelt und verkümmert".
Es gehe dabei nicht nur um Migration als humanitäre Frage, sondern auch um die wirtschaftliche Zukunft Europas, betonte Landau. Er verwies unter anderem auf den österreichischen EU-Kommissar Magnus Brunner, der davor warne, dass die europäischen Volkswirtschaften in 20 Jahren um neun bis 15 Prozent kleiner ausfallen könnten, sollte die legale Zuwanderung vollständig gestoppt werden. Europa drohe dadurch wirtschaftlich hinter China, den USA sowie aufstrebenden Volkswirtschaften wie Brasilien und Indien zurückzufallen.
Landau verbindet die Forderung nach legalen Wegen mit einer stärkeren Bekämpfung der Ursachen von Flucht und Migration. Er verwies dabei auf Papst Leo XIV. und dessen Forderung nach "politischen Maßnahmen, die es jedem Menschen ermöglichen, in seiner Heimat in Würde zu leben". Neben dem Recht, Zuflucht zu suchen, wenn das eigene Leben bedroht sei, müsse daher auch das Recht gestärkt werden, nicht auswandern zu müssen. An dieses Recht, "bleiben zu können, nicht fliehen zu müssen", müsse auch die Kirche erinnern. "Diese Debatte, die bei den Ursachen ansetzt und dann menschengerechte Lösungen sucht, vermisse ich schmerzlich", so Landau.
COMECE-Präsident: "Keine einfachen Lösungen"
Auch der Präsident der Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Union (COMECE), Bischof Mariano Crociata, warnte davor, die Ereignisse von Ceuta für parteipolitische Auseinandersetzungen zu instrumentalisieren. Das Leben der Menschen müsse "unter allen Umständen" geschützt werden, sagte Crociata dem Nachrichtendienst Sir vor dem digitalen Treffen der EU-Innenminister. Wenn dies nicht gelinge, habe "alles andere bereits den Beigeschmack einer Niederlage unserer Menschlichkeit".
Dringend nötig sei eine langfristige Perspektive, die wirtschaftliche und demografische Aspekte ebenso einbeziehe wie die Ursachen der Migration. Angesichts der Ungleichheiten einer Welt im Umbruch gebe es keine ausreichenden Maßnahmen, um "Massenflucht aus der Verzweiflung" aufzuhalten. "Keine Mauern und keine Abschiebungen" reichten dafür nicht aus, so Crociata. Die Debatte müsse deshalb über die "einfache Instrumentalisierung im Rahmen des parteipolitischen Spiels" hinausführen.
Papst Leo hatte mit Blick auf Ceuta am Sonntag beim Angelus dazu aufgerufen, Lösungen zu finden, "die Frieden, Stabilität und Gerechtigkeit bringen". In der vergangenen Woche waren dort zehntausende Migranten aus Marokko angekommen, was zu einer dramatischen Situation mit über 70 Toten führte.
Die EU-Innenminister betonten nach ihrem digitalen Austausch am Dienstag ihre Geschlossenheit und stellten sich hinter Spanien. Die Außengrenzen seien gemeinsame Verantwortung, die Migrationsfrage erfordere eine einheitliche europäische Antwort, erklärte der irische Migrationsminister Jim O'Callaghan. Zugleich sollen Frühwarnsysteme und die europäische Krisenkommunikation verbessert werden.
Nach jüngsten Angaben der Regionalbehörden starben mindestens 75 Menschen beim Versuch, Ceuta zu erreichen. Von den rund 72.000 Migranten sollen nach neuen Regierungsangaben aus Madrid 70.000 inzwischen nach Marokko zurückgekehrt sein.
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