Karekin II. seit 1999 im Amt - Konflikt mit armensicher Regierung eskaliert weiter - Karekin II. hat viele gute Beziehungen zu Österreich
Jerewan, 21.08.2026 (KAP) Katholikos Karekin II., Oberhaupt der Armenisch-apostolischen Kirche, feiert an diesem Freitag seinen 75. Geburtstag. Viel Grund zum Feiern gibt es derzeit allerdings nicht, der Katholikos sieht sich vehementen Angriffen der armenischen Regierung wie auch einem Strafverfahren ausgesetzt. Seit 1999 leitet Karekin II. die Armenisch-apostolische Kirche. Der Katholikos hat auch enge Beziehungen zu Österreich.
Anfang August begann in Armenien der Strafprozess gegen Karekin II. und weitere Bischöfe. Ihnen wird vorgeworfen, gegen eine gerichtliche Anordnung zur Wiedereinsetzung eines von der Kirche abgesetzten Bischofs verstoßen zu haben. Es drohen Geldstrafen oder bis zu zwei Jahre Haft. Der Prozess geriet allerdings bereits zum Auftakt ins Stocken: Der Vorsitzende Richter erklärte sich für befangen. Wann die Verhandlung fortgesetzt wird, ist unklar. Dieser Tage hat die armenische Regierung unter Ministerpräsident Nikol Paschinjan zudem die Absetzung des Katholikos offiziell in ihr Regierungsprogramm aufgenommen.
Sowohl hinter dem Justizverfahren als auch der Regierungserklärung steht ein Machtkampf zwischen Paschinjan und Karekin. Für Paschinjan ist Karekin II. ein "Agent Russlands"; das Kirchenoberhaupt wehrt sich vehement gegen diese Behauptung. Er wirft seinerseits der Regierung vor, die nationale Einheit Armeniens für kurzfristige politische Interessen zu gefährden und sich etwa nicht vehement genug für die Bewahrung des christlich-armenischen Erbes in Berg-Karabach einzusetzen, das 2023 von Aserbaidschan erobert wurde. Die gesamte armenische Bevölkerung, mehr als 100.000 Menschen, mussten damals fliehen. In der Region werden seither Kirchen und weitere christliche Kulturgüter systematisch zerstört, so die armenische Kirchenleitung und viele weitere internationale Organisationen.
In einer Erklärung im Anschluss an den Auftakt des Strafprozesses zeigte sich der Katholikos kämpferisch und hielt wörtlich fest: "Wir müssen standhaft bleiben und gemeinsam beharrlich und nachhaltig gegen Ungerechtigkeit, Diskriminierung und Intoleranz in unserem Land vorgehen und die Verbreitung von Bösem und Hass verhindern." Es gelte, die nationale Einheit, Solidarität, Wahrheit, Recht und Gerechtigkeit zu bewahren.
Als Student in Wien
Karekin Nersessian wurde am 21. August 1951 in Voskehat in Armenien geboren. Er absolvierte einen Teil seiner theologischen Studien in Wien und war zu dieser Zeit auch ein Schüler des damaligen Wiener armenisch-apostolischen Erzbischofs Mesrob Krikorian. Nersessian wohnte im Wiener katholischen Priesterseminar als Stipendiat der Österreichischen Bischofskonferenz. Studienkollege des neuen Patriarchen war der nunmehrige St. Pöltner Bischof Alois Schwarz. Anschließend setzte Nersessian seine Studien am Regensburger Ostkirchlichen Institut fort und war dann als Seelsorger in Deutschland tätig. Er spricht sehr gut Deutsch.
1972 wurde Nersessian zum Priester geweiht, 1983 empfing er die Bischofsweihe, 1993 wurde er zum Erzbischof von Araradian ernannt. Während der schweren Krebskrankheit Karekins I. fungierte Nersessian bereits als "Locum tenens" des Katholikos-Patriarchen. Seine Wahl zum Obersten Patriarchen und Katholikos aller Armenier erfolgte schließlich 1999.
Mehrmals war Katholikos Karekin im Vatikan zu Gast, wo er mit den Päpsten Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus zusammentraf. Johannes Paul II. (2001) und Franziskus (2016) konnte er auch als Gäste in Armenien begrüßen.
Mehrmals führten seine Reisen das armenische Kirchenoberhaupt aber auch nach Österreich. In Armenien wiederum konnte er heimische Bischöfe, etwa die Bischöfe Alois Schwarz, Manfred Scheuer, Wilhelm Krautwaschl und Hermann Glettler willkommen heißen. Eng verbunden ist Karekin II. zudem mit der Stiftung Pro Oriente. Bereits seit 2001 ist er Protektor der Stiftung. Freundschaftlich verbunden ist der Katholikos auch mit Kardinal Christoph Schönborn.
Enge Verbindungen bestehen auch mit dem Salzburger "Zentrum zur Erforschung des Christlichen Ostens" (ZECO). Dieses setzt sich unter der Leitung der Armenien-Expertin Jasmine Dum-Tragut intensiv für die Bewahrung des christlichen Erbes in Berg-Karabach ein.
Armenisch-apostolische Kirche
Rund zehn Millionen Gläubige bekennen sich weltweit zur Armenisch-apostolischen Kirche. Die Armenier dürfen von sich behaupten, das älteste christliche Staatsvolk der Welt zu sein. Die Armenisch-apostolische Kirche gehört zu den orientalisch-orthodoxen Kirchen. Oberhaupt der Kirche ist der Katholikos-Patriarch von Etschmiadzin. Der Sitz des Patriarchen befindet sich in unmittelbarer Nähe der armenischen Hauptstadt Jerewan.
Neben dem Katholikosat von Etschmiadzin, zu dem etwas mehr als 40 Diözesen in Armenien, Europa, Amerika, Afrika, Asien und Australien gehören, gibt es noch das Katholikosat von Kilikien mit zehn Diözesen. Dazu kommen die zwei Patriarchate von Jerusalem und Konstantinopel. Zu letzterem gehören heute nur mehr rund 70.000 Gläubige, hauptsächlich in der Türkei, wobei die meisten von ihnen im Großraum Istanbul leben.
In Österreich leben bis zu 7.000 armenische Christinnen und Christen, davon ca. 3.000 in Wien. Kleine armenische Gemeinden gibt es neben Wien auch noch in Linz, Graz, Bregenz, Klagenfurt und Salzburg.