Münsteraner Kirchenhistoriker bei Pressegespräch in Wien: Hochdotiertes Langzeitforschungsprojekt "Asking the pope for help" weist auch hunderte Bittbriefe aus Wien aus und unterstreicht Bedeutung der Hilfsaktion Kardinal Innitzers
Wien, 05.11.2026 (KAP) Im kirchenhistorischen Langzeit-Forschungsprojekt "Asking the Pope for help" des Münsteraner Kirchenhistorikers Prof. Hubert Wolf, in dem es um zehntausende Bittbriefe europäischer Juden zur Zeit des Holocaust an Pius XII. (1876-1958) geht, sei die Situation der Jüdinnen und Juden speziell in Österreich "ein Riesenthema": schließlich würden die Archive hunderte Briefe von Juden und auch von katholisch getauften Jüdinnen und Juden aus Wien enthalten. Zudem spiele die 1940 von Kardinal Theodor Innitzer (1875-1955) im Wiener Erzbischöflichen Palais eingerichtete "Hilfsstelle für nichtarische Katholiken" eine große Rolle in den vatikanischen Aktenbeständen, in denen Wolf und sein Team seit 2020 forschen.
Einblicke in diese Arbeit und das Projekt, das inzwischen zu einem Langzeitprojekt mit einer 25-jährigen Laufzeit und 15,4 Millionen Euro-Dotierung entwickelt wurde, bot Wolf bei einem Pressegespräch am Donnerstag in Wien, zu dem die Katholische Presseagentur Kathpress und der Verband katholischer Publizistinnen und Publizisten geladen hatte. Als der Vatikan 2020 die Archive zur Amtszeit des Papstes öffnete, stießen Wolf und sein Team - eher zufällig - in sechs verschiedenen Archiven auf rund 10.000 Bittschreiben verängstigter europäischer Juden, die sich zwischen 1939 und 1945 an Papst und Kurie wandten und um Hilfe baten.
Wichtige Rettungsinitiative Innitzers
Ziel des Projektes sei es nicht nur, den tausenden Menschen heute eine Stimme zu geben und auch die bis zu 80.000 in den Bittbriefen erwähnten Menschen biografisch in einer Datenbank zu erfassen, sondern auch, Entscheidungsprozesse und Verfahren am Heiligen Stuhl und in der Kurie in dieser Zeit zu verstehen. Schließlich wird Pius XII. immer wieder vorgeworfen, zur Vernichtung der Juden öffentlich geschwiegen zu haben. Hier könne das Projekt dazu beitragen, durch einen Blick speziell auch auf die kurialen Abläufe im Umgang mit den Bittbriefen zu einem differenzierteren Urteil zu kommen.
Österreich komme in dem Forschungsprojekt zudem hohe Relevanz zu im Blick auf das maßgeblich von Kardinal Innitzer betriebene "Brasilien-Aktion", führte Wolf weiter aus: Innitzer hatte gemeinsam mit dem damaligen Münchner Kardinal Michael von Faulhaber (München) Pius XII. darauf gedrängt, sich in Brasilien für Visa für jüdische Konvertiten ("nichtarische Katholiken") einzusetzen. 1939 sagte der brasilianische Präsident Getúlio Vargas formal 3.000 Visa zu - etwa 1.000 davon konnte der Heilige Stuhl direkt vergeben und so Menschen die Ausreise ermöglichen.
Wolf hielt sich in Wien auf anlässlich eines Vortrags an der "Akademie am Dom" über das Thema Kirchenreform aus kirchenhistorischer Sicht. Am Donnerstagabend präsentierte er zudem am Wiener Schottengymnasium das Projekt "Asking the pope for help". Schülerinnen und Schüler hatten sich mit der Biografie von Stefan Herz-Kestranek befasst, der selber einen Bittbrief an den Papst geschrieben hatte. Sein Sohn, der Schauspieler Miguel Herz-Kestranek, nahm ebenfalls an der Veranstaltung teil. Wolf zeigte sich beeindruckt vom Forschergeist und Engagement der Schülerinnen und Schüler: "So funktioniert Anti-Antisemitismus-Bildung am besten: über biografische und persönliche Zugänge."
(Honorarfreie Pressefotos des Gesprächs mit Prof. Wolf können unter www.kathpress.at/fotos heruntergeladen werden).
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