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Vatikan: Öffentliches Bild von Pius XII. könnte sich ändern

Kurienkardinal: Öffnung der Archive für die Zeit des Pacelli-Papstes ein historischer Moment, weil es um internationale Geschichte zweier wichtiger Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts geht
20.02.2020, 15:17 Uhr Vatikan/Geschichte/Kirche/Forschung/Papst/Pius.XII
Vatikanstadt, 20.02.2020 (KAP) Wenn der Vatikan am 2. März die Archive zur Amtszeit von Papst Pius XII. (1939-1958) öffnet, könnte sich dessen Bild nach Ansicht vatikanischer Experten ändern. Im Einzelnen hänge dies natürlich vom Vorwissen und der bisherigen Einstellung des Betrachters ab, sagte Johan Ickx, Archivar im vatikanischen Staatssekretariat, bei einer Pressekonferenz am Donnerstag.

Historische Forschung verlange "Ehrlichkeit auf der Suche nach der Wahrheit, auch wenn die Ergebnisse bisherige Einstellungen auf den Kopf stellen", sagte Kurienkardinal Jose Tolentino Calaca de Mendonca, Archivar und Bibliothekar der Heiligen Römischen Kirche. Die Kirche habe aber "keine Angst vor der Wahrheit", so der Portugiese. Die Öffnung der Archive für die Zeit von Pius XII. sei ein historischer Moment nicht allein wegen des Papstes, sondern weil es um internationale Geschichte zweier wichtiger Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gehe.

Von den mehr als zwei Millionen Faszikeln allein im Archiv des Staatssekretariats zum Pontifikat von Pius XII. sind nach Aussage von Johan Ickx inzwischen 1,3 Millionen digitalisiert und teils verschlagwortet. Darunter ist auch die Korrespondenz zwischen dem Vatikan und der Nuntiatur in Berlin sowie mit dem deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl während der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Ob dort neue Erkenntnisse zu finden seien, wollte Ickx nicht sagen. Es sei Aufgabe der Historiker, die diversen Korrespondenzgattungen zu analysieren und zu bewerten. Zu dem Vorschlag, das Seligsprechungsverfahren für Pius XII. einstweilen zu stoppen, wollte Ickx sich ebenso wenig äußern. Das müssten andere beurteilen.

Die Arbeit der Forscher werde durch die Digitalisierung sehr erleichtert, so der flämische Historiker. Insgesamt habe sein Archiv mehr als 600 Anfragen aus aller Welt erhalten. Rund 100 davon haben eine erste Zusage; pro Tag bietet der Arbeitssaal des Archivs jedoch nur 20 Forschern Platz.

Neue Erkenntnisse erwartet Ickx etwa zur entstehenden multilateralen Diplomatie in den 1940er und 1950er Jahren. Neben den Akten der Diplomatie des Heiligen Stuhls zu einzelnen Staaten kamen unter Pius XII. Beziehungen etwa zu den Vereinten Nationen und deren Unterorganisationen oder zum Europarat bis hin zu Nichtregierungsorganisationen hinzu. Auch im Verhältnis von Eugenio Pacelli zu Bolschewismus und zur Sowjetunion könnten sich neue Facetten auftun.

Der nun bevorstehenden Öffnung der vatikanischen Archive zum Pontifikat von Pius XII. gingen eine lange wissenschaftliche Diskussion sowie jahrelange archivarische Vorarbeiten voraus. Mehrere Archive geben ab 2. März ihr Material frei. Das größte und bekannteste ist das Vatikanische Apostolische Archiv, wie das frühere "Vatikanische Geheimarchiv" jetzt heißt. Hinzu kommen die Archive der Glaubenskongregation, früher "Heiliges Offizium", zwei Archive des Staatssekretariats, der Missionskongregation, der Ostkirchenkongregation, der Pönitentiarie und der Dombauhütte von St. Peter.
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