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Vatikan öffnet seine Archive zu Pius XII.

Papst Pius XII. schaut am 15. März 1949 aus einem Fenster im Vatikan.
© CNS photo/KNA
Geschichte
10.03.2020, 10:00 Uhr

Wegen der langen Debatte über das Verhalten Pius' XII. angesichts des Holocaust bekommt die anstehende Öffnung seiner Archive große Aufmerksamkeit. Doch Historiker erwarten zu anderen Themen viel mehr Neuigkeiten.

Fakten
Die "Stichwort-Zutaten" für das, was seit dem 2. März in Rom erforscht werden kann, wecken Erwartungen wie für einen Roman von Dan Brown: Vatikan - Archiv - geheim - Weltkrieg - Holocaust. Indes: In der Realität wird die mit der Öffnung der vatikanischen Archive zum Pontifikat von Papst Pius XII. (1939-58) beginnende Arbeit internationaler Historiker deutlich nüchterner ausfallen. Was nichts daran ändert, dass sich ihnen Zugänge zu zwei spannenden Jahrzehnten der jüngeren Geschichte öffnen.

"Im Pontifikat von Pius XII. verdichtet sich gewissermaßen das 20. Jahrhundert insgesamt", sagt Martin Baumeister, Direktor des Deutschen Historischen Instituts in Rom. Die knapp 20 Jahre seiner Regierungszeit bildeten "eine Art Scharnier" in einem Zeitalter der Extreme - zwischen den totalitären Diktaturen einerseits und der einsetzenden Demokratisierung andererseits.

Datum der Öffnung war der 81. Jahrestag der Wahl von Eugenio Pacelli (1876-1958) zum Papst, zugleich sein 144. Geburtstag. Üblicherweise würden die Archive erst am 10. Oktober 2027 geöffnet, 70 Jahre nach dem Tod des Papstes. Aber genau wegen der Themen NS-Zeit und Judenverfolgung hatte bereits Johannes Paul II. 2003 verfügt, die Archive Pius' XI. (1922-1939) eher zu öffnen; Benedikt XVI. ordnete dies für Pius XII. an.

Geöffnet wurde nicht nur das Vatikanische Apostolische Archiv, bis Oktober "Vatikanisches Geheimarchiv" - wobei "geheim" nur "privat" bedeutete. Auch die Archive der Glaubenskongregation und anderer Kurienbehörden öffnen ihre Pforten für Forscher.

"Zunächst werden wir versuchen, uns klarzumachen, nach welchem System Akten geordnet wurden", sagte der deutsche Historiker Hubert Wolf im Vorfeld. Denn da Pius XII. die meiste Zeit ohne Staatssekretär regierte, könnte sich in der Ablagepraxis etwas geändert haben. Von relevanten Dokumenten können die Forscher sich Scans machen lassen.

Was die erwarteten Themen betrifft, sieht Baumeister "die Fortsetzung der Hochhuth-Themen zu hoch gehängt". Er warnt zudem davor, sich zu sehr auf die Person des Papstes zu konzentrieren. Viele Informationen zum Thema "Pius XII. und Holocaust" sind nach Aussagen von Forschern bekannt. Die Bewertung der Frage, warum der Pacelli-Papst öffentlich nicht deutlicher gesprochen hat, können und werden wohl unterschiedlich ausfallen.

Doch in den Archiven des Vatikan schlummern auch Informationen zu anderen, viel weniger erforschten Themen: Zur Haltung oder gar zum Einfluss der katholischen Kirche bei der Blockbildung von Nato und Warschauer Pakt, bei der europäischen Einigung, der Entkolonialisierung in Asien und Afrika oder auch zur Entwicklung im Islam erwarten Wolf und Baumeister noch einiges.

Aber es brauche Geduld, warnen beide. Drei bis fünf Jahre werde es mindestens dauern, bis seriöse Ergebnisse vorliegen könnten, schätzt Wolf. Damit neue Erkenntnisse etwas taugen, muss viel Material miteinander verglichen, kontrolliert und abgewogen werden. "Wir sind keine Vereinfacher, wir sind Verkomplizierer", warnt Baumeister vor Sensationsmeldungen.
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